Stand: 21.02.2020 15:35 Uhr

"In Hanau herrschen Betroffenheit und Zorn"

Der Attentäter von Hanau ermordete zehn Menschen, bevor er sich selbst umbrachte. Es sei ein eindeutig rassistisch motivierter Terroranschlag, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer. Die Publizistin Canan Topçu lebt in Hanau, nur etwa 500 Meter von einem der Tatorte entfernt. NDR Kultur hat mir ihr gesprochen.

Frau Topçu, wie gehen die Menschen in Ihrer Heimatstadt Hanau mit dem Terroranschlag um?

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Die Publizistin Canan Topçu lebt in Hanau, nur wenige hundert Meter von einem der Tatorte entfernt.

Canan Topçu: Ich war gestern Nachmittag in einem Verein, wo ein Vater eines Erschossenen Mitglied ist und dort gab es ganz viele Menschen, die sich versammelt hatten. Da war natürlich ganz große Betroffenheit, aber auch sehr viel Angst. Es gab auch dieses Gefühl, von der Politik im Stich gelassen worden zu sein, zur Zielscheibe von rechten Hetzern und von Rechtsradikalen zu werden. Gestern Abend gab es auch eine Kundgebung in der Innenstadt, und dort war ganz deutlich auch der Zorn der Menschen zu spüren und zu hören: der Zorn auf die Politik, die sich nicht ganz klar abgrenzt von den geistigen Brandstiftern.

Hanau ist nicht unbedingt als sozialer Brennpunkt bekannt. Ist es der Eindruck der Menschen, so etwas könnte jederzeit überall passieren?

Topçu: Ja, dieses Gefühl haben wir auch und es passiert auch immer wieder. Wir haben den Eindruck, dass Übergriffe auf vermeintlich fremde Menschen, auf Muslime zunehmen. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Anschläge und Übergriffe auf Muslime zu registrieren.

Die Bundesregierung will mehr tun gegen Rechts. Das ist ein großes Versprechen. Heute heißt es, es soll mehr Polizeipräsenz geben, auch und gerade vor Moscheen. Ist das der Weg?

Interview
Simone Rafael © picture alliance / dpa Foto: Hannibal Hanschke

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Topçu: Das ist sicherlich ein Weg, um den Moscheegängern ein Gefühl von mehr Sicherheit zu geben. Ich weiß aus meinem Freundeskreis, dass Menschen auch ein bisschen Sorge haben, zum Freitagsgebet zu gehen, weil sie denken, dass das ein Ort ist, wo viele Muslime sind und wo man Zielscheibe sein kann. Aber ich finde nicht, dass es ausreichend ist. Der Sicherheitsaspekt ist ein Punkt - wir brauchen aber eine viel stärkere Auseinandersetzung mit dem Rassismus, mit diesen feindlichen Einstellungen gegenüber vermeintlich Fremden und gegenüber Minderheiten. Das ist eine große Aufgabe, die die ganze Bevölkerung und die Politik betrifft.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, hat von "jahrzehntelanger Untätigkeit von Politik und Sicherheitsbehörden" gesprochen, das habe rechtsextreme Terroristen geradezu ermutigt. Er fordert eine Enquete-Kommission im Bundestag und einen Beauftragten gegen Muslimfeindlichkeit. Was halten Sie davon?

Topçu: Das sind mir zu starke Worte. Ich weiß, dass es diese Position auch in den migrantisch-muslimischen Gruppen gibt. Aber: Das war ein Gewaltakt von einem Menschen, der sich vermeintliche Migranten, vermeintliche Fremde zur Zielscheibe gemacht hat. Der religiöse oder der muslimische Kontext war aber nicht relevant für diesen Menschen. Wir wissen das aus seinen Videobotschaften und aus seinen Pamphleten. Der Aspekt des Muslims tauchte da gar nicht auf. Deswegen verstehe ich nicht, warum die islamischen Verbände das so rauspicken.

Das Gespräch führte Philipp Cavert für NDR Kultur.

Hände halten ein brennendes Grablicht. Fot: picture-alliance/ZB © dpa

AUDIO: "In Hanau herrschen Betroffenheit und Zorn" (5 Min)

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NDR Kultur | Freitagsforum | 21.02.2020 | 15:20 Uhr

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