Stand: 04.10.2018 15:31 Uhr  | Archiv

Gülen-Bewegung unter Druck

von Brigitte Lehnhoff

Für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist die Sache klar: Der Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger sind verantwortlich für den Putschversuch im Jahr 2016. Es fällt ihm schwer, nachzuvollziehen, dass die Bundesregierung diese Einschätzung nicht teilt und weitere Beweise verlangt. Doch die Gülen-Bewegung ist auch in Deutschland umstritten. Die Regierung überprüft unter anderem, inwieweit es tatsächlich geheime Parallelstrukturen gibt. Unterdesssen verfolgt Erdogan die Anhänger des Predigers unerbittlich. Selbst in Deutschland fühlen viele sich nicht sicher.

Fetullah Gülen © dpa picture alliance Foto: Fgulen.Com / Handout
Der islamische Prediger Fethullah Gülen lebt seit Jahren im Exil in den USA. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fordert dessen Auslieferung.

Hannover, Stadtteil Vahrenwald, ein kleiner Vereinsraum: Eingeladen ist zu einer Kunstausstellung. An den Wänden hängen schimmernde Bilder aus Nägeln und farbigen Lackdrähten, gefertigt von Flüchtlingsfrauen und Migrantinnen. Die ersten Schritte der Filografie, einer alten osmanischen Handwerkskunst, erlernten sie in einem Projekt des Vereins Empathie.

Engagiert in Dialog und Bildung

"Das ist unser Ziel, dass Menschen zusammenkommen mit ganz verschiedenen Hintergründen", sagt Nurcan Tarhan, eine Deutsche mit türkischen Wurzeln. "Dass wir einen Beitrag dazu leisten, dass viele Kulturen zusammenkommen und sich austauschen."

Nurcan Tarhan ist Vorsitzende des 2013 gegründeten Vereins Empathie. Sie selbst und einige Mitglieder sympathisieren mit der Lehre Fethullah Gülens. Und das wirke, so Tarhan, zurzeit auch abschreckend. "Wir haben einige Mitglieder verloren, weil sie der Annahme waren, dass wir Hizmet repräsentieren, aber das ist nicht der Fall bei uns, dass wir direkt Hizmet repräsentieren."

Unter dem Namen Hizmet, zu Deutsch "Dienst", sammeln sich die Anhänger Gülens. Repräsentant von Hizmet in Deutschland ist die Berliner Stiftung Dialog und Bildung. Ihr stehen Dialog-Vereine sehr nahe, die bundesweit vor allem in größeren Städten gegründet wurden.

Innertürkischer Konflikt wird auch in Deutschland ausgetragen

DITIB-Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld © imago
Auch bei der Einweihung der Zentralmoschee des Islamverbandes DITIB in Köln forderte Präsident Erdogan, die Gülen-Bewegung zu bekämpfen.

Diese Vereine verlieren allerdings Mitglieder, seit der türkische Staatspräsident Erdogan gegen Gülen und seine Anhänger vorgeht. "Die Leute treten nicht aus, weil sie mit der Bewegung nichts zu tun haben möchten, sondern weil sie Angst um ihre Familien in der Türkei haben. Und weil sie nicht wollen, dass ihre Namen in die Hände türkischer Behörden gelangen, die ihnen dann womöglich die Einreise verweigern", erklärt ein Sprecher des Vereins Forum Dialog in Hannover, der unerkannt bleiben will. Er hat miterlebt, wie nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 Gülen-Anhänger in Deutschland bespitzelt und unter Druck gesetzt wurden. Die vermeintlichen Vaterlandsverräter können inzwischen sogar per App bei der türkischen Polizei denunziert werden.

Der innertürkische Konflikt wird also längst auch in Deutschland ausgetragen. Dem Ingenieur Ismail war das bewusst, als er beschloss, aus der Türkei zu fliehen: "Ich habe Angst vor diesen Erdoganisten in Deutschland. Deswegen war für mich ganz klar, dass ich hier Anschluss an die Hizmet-Bewegung suche. So habe ich dann den Verein Forum Dialog in Hannover gefunden."

Auch Hasan, ein Lehrer aus Istanbul, will mit den Erdogan-Anhängern in Deutschland nichts zu tun haben. "In der Türkei wurden wir ausgegrenzt, nur weil wir der Hizmet-Bewegung angehören", sagt er. "Mehrmals wurden wir verhaftet. Ohne jeden Beweis wurde uns vorgeworfen, einer Terrororganisation anzugehören. Irgendwann konnte ich mit dieser Angst nicht mehr leben und habe mich entschieden, nach Deutschland zu fliehen."

Konservativ-islamisches Gesellschaftsbild

Friedemann Eißler, Islamexperte bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, beobachtet ebenfalls, dass Anhängerinnen und Anhänger der Gülen-Bewegung in Deutschland massiv verfolgt werden. "Da ist jede Solidarität angesagt. Aber im Blick auf diese Opferrolle wird doch auch eine ganze Reihe von Halbwahrheiten bis hin zu blanker Desinformation auch verbreitet."

Es werde geleugnet, so Eißler, dass eine sehr enge Beziehung zwischen der Gülen-Bewegung und Erdogan über mehr als 10 Jahre bestanden habe. "2013 ist dann der Bruch erfolgt. Das heißt, hier sind große Überschneidungen auch im Verständnis des Islam. Und wenn wir da genauer hinschauen, dann haben wir einen konservativen Islam und keinen Reformislam."

Künftig mehr Transparenz

Das Moderne an der Hizmet-Bewegung sei die geschickte Kommunikation nach außen. Sie betone nicht Islam und Sharia, sondern Dialog und Bildung. "Das Problem also stellt sich meines Erachtens so dar, dass die Kommunikation nach außen nicht das wirklich zum Thema macht, was im Kern der Anschauung im Inneren stattfindet. Es ist also nicht drin, was draufsteht."

Der Blick auf die Hizmet-Bewegung, die in Deutschland Schulen und Nachhilfevereine betreibt, müsse daher trotz der Verfolgung kritisch bleiben. Aussteiger der Bewegung beanstanden, dass es geheime Parallelstrukturen gibt. Ercan Karakoyun, der Vorsitzende der Gülen-nahen Berliner Stiftung Dialog und Bildung, bestreitet die Vorwürfe. Gegenüber Medienvertretern erklärte er jedoch, dass die Hizmet-Bewegung in der Vergangenheit in Deutschland nicht transparent genug gewesen sei. Man müsse besser vermitteln, dass man für einen zivilen Islam stehe und einen wichtigen Beitrag für dieses Land leiste.

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