Stand: 04.03.2016 09:38 Uhr Archiv

Frauenbilder, Männerbilder und der Islam

von Ita Niehaus

Kopftuch, Ehrenmord, Zwangsheirat. Das sind so die üblichen Stichworte, die oft fallen, wenn es um Frauen- und Männerbilder im Islam geht. Und das nicht nur bei Pegida-Anhängern. Die Ereignisse in der Silvesternacht von Köln haben diese Einschätzungen vielerorts noch befördert. Frauen- und Männerbilder im Islam - wie erleben Mitglieder der muslimischen Community diese Debatte? Zu Besuch in einer Moschee in Braunschweig - und zwar beim "Deutschsprachigen Muslimkreis Braunschweig", eine der ältesten Moschee-Gemeinden in Niedersachsen.

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Besucher sind in der Moscheegemeinde des DMK Braunschweig herzlich willkommen.

In einer eher untypischen Hinterhof-Moschee mit großen, hellen, freundlichen Räumen haben sich mehr als 200 Gläubige zum Freitagsgebet versammelt. Die Frauen getrennt von den Männern, hinter einem Vorhang.

Nach dem Gebet stehen einige Frauen noch zusammen, tauschen sich aus über die Predigt des Imams. Es ging um die Beziehung zwischen Mann und Frau. "Eine Ehe ist ernst zu nehmen und man muss sich anstrengen - Frau und Mann", sagt Sarah Lenkeit. "Respekt - das ist auch sehr wichtig für unseren Islam", ergänzt eine Frau.

Sarah Lenkeit, 55 Jahre, Verkaufsmanagerin, in Jeans und mit Kopftuch, ist es leid, sich immer wieder für ihre Religion rechtfertigen zu müssen. Der Islam sei nicht frauenfeindlich. Sie erinnert an die reiche weibliche Geschichte im Islam: "Die Frau des Propheten, Aischa, ist im Krieg geritten - und heutzutage dürfen die Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren. Das ist aber nicht der Islam. Das eine ist Kultur, das andere Religion. Das wird oft vermischt."

"Wir ergänzen einander"

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Auch die Gründer vieler norddeutscher Moscheegemeinden kamen oft aus patriarchalisch geprägten Ländern wie der Türkei oder Ägypten. Für viele Nicht-Muslime ist gerade die Geschlechtertrennung in den meisten Moscheegemeinden ein Reizthema. Unter Musliminnen kursiert ein Spruch: "Zeige mir die Frauenräume in deiner Moscheegemeinde und ich sage Dir, wie es um die Rolle der Frau bestellt ist." "Dieser Spruch ist in einer gewissen Weise richtig. Es gibt Moscheen mit einer totalen Trennung durch eine Wand und wo Frauen nicht im Vorstand vertreten sind - das ist nicht korrekt", sagt Adel El Domiaty, der Vorstandsvorsitzende des DMK Braunschweig. Immerhin seien zwei der fünf Vorstandsmitglieder der Braunschweiger Moschee weiblich. Leider sei es aus Platzgründen nicht möglich, dass die Gläubigen, wie zu Mohammeds Zeiten, gemeinsam beten: vorne die Männer, hinten die Frauen. "Unser Vorbild ist immer die Gemeinde des Propheten", sagt Adel El Domiaty. "Die Frauen waren Bestandteil der Gemeinde, haben überall teilgenommen, diskutiert, haben auch das Wahlrecht gehabt, das Recht auf Bildung und so weiter. Vor Gott sind wir gleich. Wir ergänzen einander."

Mehrheit für Gleichberechtigung

Wie viele andere Frauen engagiert sich Amra Dumanjic in der Gemeinde. Sie ist Mitglied im Vorstand. Selbstbestimmt zu leben und Muslimin zu sein, das ist für sie kein Widerspruch. Sie hat festgestellt, dass sich mit dem Generationenwandel in ihrer Gemeinde das traditionelle Frauen- und Männerbild geändert hat: "Man denkt immer: Die arme Frau, sie wird unterdrückt, kann nicht alleine entscheiden. Aber das ist, was unsere Gemeinde betrifft, überhaupt nicht so."

Für die große Mehrheit der Muslime in Deutschland ist eine gleichberechtigte Partnerschaft und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig. Das belegen auch Studien, zum Beispiel die des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Und doch ist das Thema Geschlechtergerechtigkeit längst nicht bei allen Muslimen angekommen. Denn es ist auch eine Frage der Auslegung von Koran und Sunna. "Die Männer müssen sich mehr dafür engagieren", fordert unter anderem die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Sarah Lenkeit dagegen plädiert für ein selbstbewussteres Auftreten der Frauen: "Ich erwarte, dass die Frauen ihre Stimme erheben - aber das machen viele nicht. Sie sind in Gehorsam aufgewachsen - das hat aber nichts mit der Religion zu tun."

Die unterdrückte muslimische Frau, der chauvinistische muslimische Mann in Deutschland - viele Muslime halten das mittlerweile für ein Klischee. "Die Leute lesen irgendeine Überschrift, kommen aber nicht hierher, zum Beispiel zum Tag der offenen Moschee, und fragen mal nach, ob das denn wirklich so ist", stellt Sarah Lenkeit fest. Amra Dumanjic fügt hinzu: "Wenn man mit uns (Frauen) ins Gespräch kommt, erkennt man: Sie hat ja was drauf, sie hat ja was im Kopf."

Die Sendung zum Nachhören
04:23

Frauenbilder, Männerbilder und der Islam

Frauen- und Männerbilder im Islam: Wie erleben Mitglieder der muslimischen Community diese Debatte? Zu Besuch in einer Moschee in Braunschweig. Audio (04:23 min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 04.03.2016 | 15:20 Uhr