Stand: 20.06.2019 18:25 Uhr

Experte Ceylan fordert deutsche Imamausbildung

von Miriam Stolzenwald

Seit Langem ist die praktische Ausbildung für Imame in Deutschland ein vieldiskutiertes Thema. In den letzten Monaten hatte sich die Debatte etwas beruhigt. Nun wird sie wieder angefacht durch eine gerade veröffentlichte Expertise der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft der Universität Frankfurt am Main. Rauf Ceylan ist Professor am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück und hat die Expertise in Hannover vorgestellt.

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Rauf Ceylan ist Professor am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück und kämpft für ein Imamseminar nach dem Theologie-Studium.

"Wir haben mittlerweile viele Absolventinnen und Absolventen", berichtet Rauf Ceylan. "Die Frage ist aber: Wo sollen die arbeiten? In der Regel wollen sie nicht mehr in die Gemeinde, weil dort keine Perspektive existiert." Ceylan kämpft für ein Imamseminar nach dem Theologie-Studium. Schon als das Institut für Islamische Theologie in Osnabrück vor einigen Jahren gegründet wurde, war dies ein zentrales Thema. Es geht um eine praktische Ausbildung nach dem Studium - ähnlich wie bei einem Priesterseminar. Umgesetzt wurde das bis heute jedoch nicht.

"Ein Dialog auf Augenhöhe kann nicht stattfinden"

Die Expertise zum Thema "Imamausbildung in Deutschland", die Ceylan nun in Hannover vorgestellt hat, basiert auf Erfahrungsberichten von Vertretern der islamischen Landesverbände. Ceylan fasst zusammen: "Gut ist, dass der Imam eine gute klassische Ausbildung hat, sich um die Gemeinde kümmert, hohe Frustrationstoleranz aufweist und so weiter. Dem gegenüber steht, dass die meisten Imame hier nicht sozialisiert sind und dementsprechend nicht den Zugang zur jungen Generation haben. Das wiederum führt bei vielen zum Wunsch, dass die Imame in Deutschland ausgebildet werden, damit wir deutschsprachige Imame haben, die auf Augenhöhe in einen interreligiösen Dialog treten können."

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Interreligiöser Dialog - damit ist die Offenheit gegenüber anderen Religionen in Deutschland gemeint und ein gegenseitiger Austausch: "Es gibt den Tag der offenen Moscheen am 3. Oktober. Die meisten Imame sind nicht in der Lage, eine Moscheeführung zu machen, weil man der deutschen Sprache nicht mächtig ist und entsprechende Begriffe nicht kennt. Das führt dazu, dass ein Dialog auf Augenhöhe nicht stattfinden kann."

Bewerberzahlen zurückgegangen

Das Problem ist, dass es für die Absolventen des Osnabrücker Islaminstituts ohne die Imamausbildung schwer ist, im Berufsalltag in den Moscheegemeinden Fuß zu fassen. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Bewerberzahlen für das Islamische Theologie-Studium im letzten Jahr zurückgegangen sind. Imame, die in Deutschland arbeiten, sind meist in der Türkei ausgebildet worden und werden auch vom türkischen Staat bezahlt. Viele von ihnen sprechen nur wenig Deutsch. Der Islamverband DITIB steht deshalb stark in der Kritik. Gerade deshalb gibt es die Idee, in Deutschland selbst Imame auszubilden, schon lange. Die Expertise soll nun den Anstoß geben, konkrete Maßnahmen zu erarbeiten, sagt Ceylan. Vor allem geht es dabei um mögliche Inhalte des Seminars: "Die Gemeindemitglieder legen zum Beispiel sehr viel Wert auf Koranrezitation. Das ist in der wissenschaftlichen Ausbildung gar nicht vorgesehen. Oder andere Rituale wie Liturgie oder Predigtlehre. Das heißt, dass wir diese Inhalte dort anbieten müssen."

Viele offene Fragen

Der niedersächsische Wissenschaftsminister Björn Thümler von der CDU unterstützt das Vorhaben: "Wir werden versuchen, in die zweite Phase einzusteigen, in die tatsächliche Ausbildung von Imamen. Meine Vorstellung ist, dass wir beispielhaft erstmal fünf Imame ausbilden, um zu schauen, ob die Akzeptanz in den Moscheegemeinden überhaupt da ist, diese Imame anzunehmen. Wir werden versuchen, sie darüberhinaus in seelsorgerischen oder sozialpädagogischen Fragen in den Gemeinden einzusetzen."

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Vorschläge dieser Art gab es vom Land Niedersachsen bisher schon einige - passiert ist jedoch nichts. Und neben dem Inhalt stellen sich auch weitere Fragen, die eine schnelle Einrichtung eines Imamseminars erschweren: "Wer finanziert das", fragt Ceylan. "Das ist das A und O. Das zweite Problem ist: Wer bezahlt die Imame, wenn sie fertig sind? Eigentlich müssten die Gemeinden das bezahlen, aber es gibt keine Moscheesteuer. Alleine die Ausbildungsstätte wird mindestens eine Million Euro im Jahr kosten."

Eine weitere Schwierigkeit: Nicht alle der islamischen Verbände in Deutschland befürworten diese Ausbildung. "Es wird Verbände geben, wie beispielsweise DITIB, die ihre eigenen Ausbildungsstätten bauen oder sie schon haben", vermutet Ceylan. "Sie werden im besten Falle kooperieren, aber sie werden ihre Ausbildungsstätten beibehalten. Und dann wird es andere geben, wie den Zentralrat der Muslime, die sicherlich Interesse haben."

Nun gilt es, mit den Befürwortern in Niedersachsen zu kooperieren und eine Grundlage für dieses Modellprojekt zu schaffen - und zwar möglichst schnell, denn die ersten Studierenden haben in Osnabrück das Theologie-Studium bereits beendet und suchen Arbeit.

Rauf Ceylan © Rauf Ceylan

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NDR Kultur - Freitagsforum -

Für die Absolventen des Osnabrücker Islaminstituts ist es schwer, im Berufsalltag Fuß zu fassen. Der Religionspädagoge Rauf Ceylan kämpft daher für ein Imamseminar nach dem Theologie-Studium.

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Dieses Thema im Programm:

Freitagsforum | 21.06.2019 | 15:20 Uhr