Stand: 17.01.2020 14:31 Uhr

"Dschabber" - Liebe trotz oder wegen Kopftuch?

von Susanne Birkner

Wie sehr beeinflussen kulturelle Unterschiede und Vorurteile unsere Wahrnehmung? Darüber hat der kanadische Theatermacher Marcus Youssef 2012 ein Stück geschrieben. In "Dschabber" verlieben sich ein muslimisches Mädchen, das aus Überzeugung Kopftuch trägt, und der Chaot ihrer neuen Schule ineinander. Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg steht das Stück ganz frisch auf dem Spielplan.

Szene aus dem Stück "Dschabber" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Deutsches Schauspielhaus Hamburg Foto: Sinje Hasheider
Szene aus dem Stück "Dschabber" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Genet Zegay drückt einer jungen Zuschauerin ganz zu Beginn des Stücks einen Spiegel in die Hand. Sie schaut hinein und legt schnell und geübt ihren blaugrünen Hidschab an. Damit hat sich die 27-jährige Schauspielerin in die 16-jährige Fatima verwandelt. "Es gibt Youtube-Kanäle, und die Mädels haben mir das gezeigt", erklärt Zegay. Die Mädels - ein muslimischer Frauen- und Mädchentreff auf der Hamburger Veddel. "Das hat unsere Dramaturgin organisiert", sagt Zegay. "Wir haben sie öfter getroffen, und die waren auch bei Proben dabei. Da haben wir uns ein bisschen ausgetauscht. Das war uns wichtig, dass man da Kontakt hat."

Die Figur, die sich Zegay erarbeitet hat, ist zauberhaft: Fatima ist cool, witzig, lässig und doch sehr traditionsverbunden. Zum Hidschab trägt sie eine seidene Bomberjacke. Seit drei Jahren erst ist sie in Deutschland. Geflohen aus Ägypten. In ihrer Schule fühlt sie sich wohl, sie hat gute Freundinnen gefunden. Aber als jemand ein islamfeindliches Graffiti an die Schulwand sprüht, schicken ihre Eltern sie von einem Tag auf den anderen auf eine neue Schule, Mariahilf, in der niemand außer ihr den Hidschab trägt. Der einzige, der offen auf sie zugeht, ist der Chaot der Schule, Jonas.

Theater, das nicht kalt lässt

In einem Kreis sitzen die Zuschauer, fast ausschließlich Schulklassen, in nur zwei Reihen um die kleine Bühne herum. Eine Stunde Theater, fast zum Anfassen. Keine Pause. Volle Aufmerksamkeit. Denn die bekommt das Publikum genauso. Genet Zegay und Gabriel Kähler spielen intensiv, sprechen die Zuschauer direkt an, setzen sich immer wieder zwischen sie. Einmal holt Zegay alle Zuschauer zu sich auf die Bühne - sie sind dann die Menschen in Ägypten, wo Fatima zum ersten Mal wieder zu Besuch ist. Und die Schauspielerin läuft mitten durch sie hindurch.

Szene aus dem Stück "Dschabber" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Deutsches Schauspielhaus Hamburg Foto: Sinje Hasheider
Sehr zart entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Fatima und Jonas, toll gespielt von Gabriel Kähler und Genet Zegay.

"Dschabber" ist Theater, das nicht kalt lässt. Pointierte Dialoge, bei denen man auch schon mal schlucken muss. Charismatische Charaktere, toll gespielt - in den lauten wie in den leisen Momenten. Denn sehr zart entwickelt sich in dieser Stunde die Liebesgeschichte zwischen Fatima und Jonas. Die, die so unwahrscheinlich schien. Aber doch verbindet die beiden etwas. "Ich weiß, wie das ist", sagt Fatima. "Wenn alle einen für einen Freak halten und man einfach nur so sein will, wie alle anderen. Ich vertraue Dir."

Ziel erreicht

Im Videochat legt Fatima ihren Hidschab ab und zeigt Jonas ihre Haare. Da windet sich ein Schüler in der ersten Reihe: "Weil man das eigentlich nicht machen darf, erst wenn man geheiratet hat", erklärt er. "Da hat sie eine Sünde begangen." Ansonsten fand der 15-jährige muslimische Schüler "Dschabber" gut. Auch wie die Liebe der beiden dargestellt wird, fand er nicht unrealistisch.

Seine Mitschülerinnen mochten das Stück ebenfalls. An ihrer Schule in Hamburg-Bergedorf tragen einige Mädchen Kopftuch - Thema sei das nicht. "Ich habe noch nie erlebt, dass das irgendwie falsch aufgenommen wurde", erzählt eine Schülerin. "Wenn das jemand für richtig hält, soll er es machen. Wenn nicht, dann nicht. Ich toleriere das."

Ziel erreicht für die Schauspieler Genet Zegay und Gabriel Kähler: "Ich finde es immer schön, wenn es der Start für eine Diskussion ist", meint Kähler. "Das ist ein super Anstoß, sich darüber zu unterhalten, und hoffentlich passiert das jetzt auf dem Rückweg in der S-Bahn", ergänzt Zegay.

Ansicht einer Frau von hinten aufgenommen mit einem roten Kopftuch vor dunklem Hintergrund mit zwei Kerzenlichtern. © picture alliance / dpa

AUDIO: "Dschabber" - Liebe trotz oder wegen Kopftuch? (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 17.01.2020 | 15:20 Uhr

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