Stand: 04.01.2017 17:14 Uhr  | Archiv

Die "Datteltäter" - Mit Satire-Videos gegen Vorurteile

Manche Vorurteile halten sich sehr hartnäckig. Muslime etwa gelten als humorlos. Dabei können sie genauso gut über sich lachen wie Nichtmuslime. Und auch die Satire hat im Islam eine lange Tradition. Ein Beispiel von vielen: die "Datteltäter" aus Berlin. Das sind zwei Muslime, eine Muslimin und ein Christ, die gemeinsam kulturelle Klischees aufs Korn nehmen. Oft richten sich die Satiriker mit ihren YouTube-Videos gegen Islamisten und Rechtsradikale.

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15 Dinge, die Muslime in Deutschland kennen!

15 Situationen die du als Muslim bestimmt kennst! Ein YouTube-Clip der Satire-Gruppe "Datteltäter". extern

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Magic Ramadan 2016 - Der Fliegende Teppich

"Datteltäter" Younes Al-Amayra "schwebt" auf einem fliegenden Teppich durch Berlin. extern

Von Jens Rosbach

Zwei bärtige Männer im langen Gewand und mit Palästinensertuch sitzen auf einem Sofa. Eine Frau mit Kopftuch reicht ihnen eine rote Sprengstoff-Stange. "Vollgepackt mit Sprengstoffsachen, die den Teufel glücklich machen, hinein ins Höllenfeuer!", heißt es in dem YouTube-Clip. Die Männer, Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat, albern mit einer Bombe für Selbstmord-Attentäter herum. "Jag Dich doch hoch, drück auf den Knopf, benutz nie wieder Deinen Kopf, jetzt ins Höllenfeuer! ISIS: Quälen, töten, vernichten! (Pling!)" "Mit ISIS ins Weekend-Feeling" - ein Video in Anlehnung an einen Joghurt-Werbespot. Willkommen bei den "Datteltätern", dem selbst ernannten "Satire Kalifat".

Klischees aufbrechen

"Islam, Terrorismus, Integration - das sind sehr emotionsbeladene Themen, wo oftmals nur Humor helfen kann", sagt der 31-jährige Younes Al-Amayra. "Wo wir auch eine Möglichkeit sehen, als Eisbrecher auf ein Publikum zuzugehen, sodass man uns zunächst einmal zuhört."

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Von links: Younes Al-Amayra, Fiete Aleksander, Marcel Sonneck und Farah Bouamar sind die "Datteltäter".

Die "Datteltäter" wollen Klischees aufbrechen - haben sie doch alle schon Erfahrungen gesammelt mit Diskriminierungen. Wie auch Younes Al-Amayra, der im Osten Berlins aufgewachsen ist - als Kind palästinensisch-syrischer Eltern. Wegen seines dunklen Teints wurde er früher häufig von Rechten attackiert. Und nach dem Anschlag auf das World Trade Center reduzierte man ihn auf seine Religion, erinnert er sich: "Vor dem 11. September war man der Kanacke, der Türke. Und danach warst Du der Muslim. Das Label hat sich über Nacht geändert, aber nicht der Rassismus."

Marcel Sonneck ist der einzige Christ der Satiregruppe. Der 26-Jährige wuchs ebenfalls in Berlin auf. "Mit 14, 15 sah ich ein bisschen aus wie ein Kanarienvogel, hatte gefärbte Haare", so Sonneck. "Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund haben mir auf der Straße auch mal eine gegeben oder haben mich getreten. Da habe ich auch so ein bisschen Rassismus entwickelt."

Heute produzieren die beiden - mit eigener Kameratechnik - Videoclips für ihren "Datteltäter"-Kanal auf YouTube. In ihren zumeist gesellschaftskritischen Filmen geht es etwa um AfD-Populisten oder auch um Flüchtlinge. So zeigt ein Video eine Ruine ohne Dach, die von der Firma "Reibach-Immobilien" als Asylunterkunft angepriesen wird:

"Unser neuestes Establishment in der Willkommensallee 1 besticht mit seinem avantgardistischen Stil und seinem Hauch von Vintage. Mit einer Fläche von über 300 Quadratmetern bietet dieses Objekt ausreichend Wohnfläche für hunderte Personen und schafft so die ganz persönliche Wohlfühloase."

Viel Lob - aber auch Hass-Kommentare

Das Freitagsforum zum Nachhören
03:59

Mit Satire-Videos gegen Vorurteile und Terror

Die "Datteltäter" aus Berlin nehmen kulturelle Klischees aufs Korn. Audio (03:59 min)

Der YouTube-Kanal präsentiert aber auch ironiefreie, pädagogische Filme, die über den Begriff Dschihad aufklären oder junge Leute zeigen, die erstmals syrisches Essen kosten. "Wenn man mit jemandem zusammen am Tisch sitzt und isst - Frieden kann nicht besser symbolisiert werden", findet Marcel Sonneck. Er ist ausgebildeter Hotelier und Barbesitzer, Al-Amayra arbeitet mit radikalisierten muslimischen Teenagern. Ihre wöchentlichen Satire-Filme drehen sie in ihrer Freizeit. Dafür erhalten sie inzwischen Geld von "Funk", dem Online-Jugendprogramm von ARD und ZDF. Ihre Drehbücher müssen sie nun von einer Redaktion abnehmen lassen. Bedenken, dass sie dadurch ihre Unabhängigkeit verlieren könnten, haben die "Datteltäter" nicht. "Wir hatten noch nie das Problem, dass wir irgendeinen Witz nicht durchbringen konnten oder irgendeine Situation", stellt Al-Amayra klar.

Das selbsternannte "Satire-Kalifat" kann zehntausende Klicks pro Video vorweisen, viele YouTuber loben die Klischeebrecher. Andere, vor allem Rechtsradikale, können hingegen nicht mitlachen - und schreiben immer wieder Hass-Kommentare. "Jeder, der in die Öffentlichkeit will - gerade zu diesem Thema - muss Methoden oder Techniken entwickeln, wie man mit diesem Hass umgehen kann", erklärt Al-Amayra. "Weil das einen auch kaputt machen kann. Und glücklicherweise sind wir eine Gruppe, wo wir uns auch gegenseitig unterstützen können. Das ist wirklich gut, dass man das nicht alles alleine aushalten muss."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.01.2017 | 15:20 Uhr