Milad Karimi © Daniel Biskup Foto: Daniel Biskup

Die Corona-Krise als Spiegelbild unseres Lebens

Stand: 12.02.2021 14:21 Uhr

Der muslimische Philosoph Milad Karimi sieht in der Corona-Krise eine Chance, sich auf das zu besinnen, was im Leben wirklich wichtig ist. Religionen wie der Islam können dabei helfen, meint er in seinem Gastbeitrag.

Milad Karimi © Daniel Biskup Foto: Daniel Biskup
Beitrag anhören 5 Min

Seit ungefähr einem Jahr befinden wir uns in einer Art Ausnahmestand, sind gefangen in einer Krise, gegen die wir machtlos sind. Die virale Pandemie macht keinen Halt vor irgendeiner Grenze. Das Virus wuchert überall, hält unser Leben in Atem. Über die Frustration, unserem Leben, unserer Arbeit, unserer Bildung nicht wie gewohnt nachgehen zu können, kulturell und sozial immer mehr verarmt zu sein, kommt die Sorge und die Angst hinzu, selbst Opfer der Pandemie zu werden. Oder noch schlimmer: Schuld an der Erkrankung anderer zu sein. Damit sind wir einander zur Bedrohung geworden. Diese Pandemie lehrt uns, dass wir nicht einfach leben, sondern uns auch zu unserem Leben und zu unseren Mitlebenden bewusst verhalten müssen.

Menschsein ist Aufgabe und Auftrag

Weitere Informationen
Ein Imam wird in einer Moschee von einer Handykamera gefilmt © picture alliance/dpa/Sputnik

Moscheegemeinden bauen ihre Online-Angebote aus

Immer mehr Moscheen und Gemeinden gehen mit ihren Angeboten online. Welche Folge hat die zunehmende Internetpräsenz für den Islam? mehr

Wir müssen uns zurückhalten, so sehr, dass nichts so weiter geht, wie wir es gewohnt waren. Darf aber danach alles wie gewohnt weitergehen? Plötzlich holt uns eine Erfahrung ein, die wir sonst gerne verdrängen: die Erfahrung des Todes, der eigenen Endlichkeit und Zerbrechlichkeit, vor allem die Erfahrung, dass wir aufeinander angewiesen sind, dass wir gegenseitig aufeinander achtgeben müssen. Dies ist der tiefste Ausdruck eines werteorientierten Handelns. Unser Handeln hat Konsequenzen für das Leben und den Tod. Nichts, was wir tun oder unterlassen, ist bedeutungslos. Daher benötigen wir eine moralische Begründung unseres Handelns. Worin besteht aber diese? Indem wir als Menschen erkennen können, dass wir unseren Willen vor dem Willen anderer zurückstellen, zurücknehmen müssen, sind wir zur Moralität befähigt. Diese Moralität verpflichtet uns, nicht nur für unser eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen, sondern auch für das Leben anderer, für ein lebenswertes Miteinander. Dazu gehört auch, selbstgewählte Isolierung vorzuziehen, indem wir unsere Freiheit zurücknehmen für die Bewahrung der Leben anderer. Das zeichnet uns als Menschen aus. Menschsein ist demnach Aufgabe und Auftrag.

Islam soll den Blick für das Wesentliche öffnen

Der Islam als Religion ist eine Atempause. Er ist Stille und Unterbrechung. Gerade in der Krise halten wir inne, suchen Halt und erkennen vielleicht, dass wir in einer Welt ohne Halt leben. In der Krise werden wir auf uns selbst zurückgeworfen, wir müssen lernen uns selbst auszuhalten, unseren gewohnten Lebensvollzug zu überprüfen. Denn in der Krise kommt eine radikale Unterscheidung zum Vorschein, eine Unterbrechung des Gewohnten. In der Krise wird plötzlich das Wesentliche sichtbar. Die Krise stiftet, was wir vor allem aus den Religionen kennen: Achtsamkeit. Der Islam als Religion soll den Blick für das Wesentliche öffnen. Islam heißt somit verzichten können, sich im Verzicht zu üben, um das Wesentliche zu erkennen. Er inspiriert zum Verzicht und Rückzug in sich selbst. Daher bedeutet religiös zu sein nichts anders als zu lernen, stets mit der Krise zu leben, immer in einer spirituellen Krise zu sein. Daher sagt der muslimische Mystiker Rumi, dass die Gläubigen diejenigen sind, "die in sich Schmerz und Sorge, Klage und Sehnen verspüren; sie sind mit ihrer Lebensart nicht zufrieden."

Körperliche Distanz erzeugt seelische Nähe

Über den Autor

Ahmad Milad Karimi wurde 1979 in Kabul geboren. Mit 13 Jahren flüchtete er mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan nach Deutschland. Er studierte Philosophie und Islamwissen- schaft in Darmstadt, Freiburg und Neu Dehli. Der bekannte Religionsphilosoph und Autor arbeitet nun als Professor für Kalām, islamische Philosophie und Mystik am Zentrum für Islamische Theologie an der Wilhelms-Universität Münster.
Erschienen ist von Karimi u.a.: "Warum es Gott nicht gibt und er trotzdem ist" (Herder Verlag, Freiburg 2018)

In der Krise zeigt sich daher nichts Neues, sondern in ihr zeigt sich vielmehr das, was ohnehin da ist. Aber in der Krise können wir besser sehen, sensibler wahrnehmen, in welcher Welt wir leben, was uns wichtig, was uns unwichtig ist, worin unser Glück und worin unser Elend bestehen. In der Krise, ob wir es wollen oder nicht, werden wir auf das Wesentliche reduziert. Daher lässt sich die Krise als Spiegel unserer Realität begreifen, das heißt, auch als eine Chance überprüfend und korrektiv die eigene Lebensweise, das eigene Konsumverhalten zu gestalten, auch für die Zeit nach der Krise. Religion kann uns dazu inspirieren, wahrzunehmen, dass es einen Sinn jenseits von Produktivität gibt. Besteht nicht die Hauptaufgabe der Religion, den Menschen zu verwandeln, zum Guten, zum Gerechten zu bewegen? Ist diese Krise daher nicht auch eine Atempause, um sich zu fragen, was es heißt, religiös zu sein, was es heißt, an Gott zu glauben, wenn wir blind dafür geworden sind, die Gegenwart Gottes im Antlitz der Menschen zu erblicken?

Die gegenwärtige Krise trennt uns voneinander, aber diese körperlich-leibliche Trennung stiftet zugleich eine nie zuvor dagewesene seelische, mitfühlende, solidarische Bindung zum anderen. Körperliche Distanz erzeugt seelische Nähe. Somit kann diese Atempause zur Inspiration eines Neuanfangs führen. Dazu, dass nicht alles so weitergeht wie bisher.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 12.02.2021 | 15:20 Uhr

NDR Kultur Livestream

Matinee

09:00 - 13:00 Uhr
Live hörenTitelliste