Stand: 21.07.2016 10:31 Uhr  | Archiv

Den Koran mit dem Herzen schmecken

von Mouhanad Khorchide
Zu sehen ist ein aufgeschlagener Koran , im Hintergrund sind Gläubige im Gebetsraum einer Moschee zu erkennen. © imago/ Pacific Press Agency
Der Koran ist die Heilige Schrift des Islam. Die eine, richtige Auslegung gibt es nicht.

Wie soll man den Koran auslegen? Für viele gläubige Muslime ist er das Wort Gottes. Aber auch islamistische Terroristen beziehen sich auf Allah und den Koran. Viele Islamwissenschaftler und Theologen möchten die Deutungshoheit aber nicht den Extremisten überlassen. Auch Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Wilhelms-Universität Münster, ist überzeugt: Gewalt und Terror stehen im Widerspruch zu dem heiligen Text. Er möchte eine ganz andere Botschaft des Korans vermitteln.

Dass das Verständnis vom Koran und somit vom Islam immer wieder aktualisiert werden muss, wusste der Prophet Mohammed schon zur Zeit der Verkündigung. In Sure 5 heißt es zwar: "Heute habe ich euch eure Religion vervollständigt" (Koran, 5:3), dennoch sagte der Prophet auch, dass Gott alle hundert Jahre jemanden senden werde, der den Islam erneuere. Dabei geht es nicht um die Zahl 100 oder darum, ob es sich um eine bestimmte Person, Gruppe, Institution oder um Denkanstöße handelt, sondern um die Idee der Erneuerung, der Reform an sich.

Über den Autor

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 im Libanon, ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der Wilhelms-Universität Münster. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen, liberalen Islam im deutschsprachigen Raum.
Bekannt wurde er u.a. als Autor des Buches "Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion" (Herder 2012).

Das Alte neu denken

Mit Reform meinte Mohammed also keineswegs, ständig neue Grundsätze zu erfinden, sondern immer, das Alte neu zu denken. Nicht, um es lediglich am Leben zu erhalten, sondern um sich ständig davon berühren und bereichern zu lassen.

Man kann nicht genug aus dem Meer des Korans schöpfen. In Sure 18 steht: "Wenn das Meer Tinte wäre für die Worte meines Herrn, würde es noch vor ihnen zu Ende gehen, selbst wenn wir es an Masse verdoppeln würden" (Koran,18:109).

Religion ist dynamisch. Sie ist ein Prozess der Suche nach sich selbst, um dann zu Gott zu gelangen. Der Weg zur Gegenwart Gottes beginnt mit dem Beschreiten dieses Weges der Selbsterkenntnis. Diese Sprache des Korans ist aber die Sprache des Herzens. Denn das Herz spricht eine eigene Sprache: die Sprache der Schönheit, der Liebe, der Barmherzigkeit, die Sprache der Ästhetik. Religiöse Erziehung ist eine Erziehung des Herzens in und zu dieser Sprache. Der Koran kombiniert den Glauben mit dieser ästhetischen Dimension und bezeichnet die Gläubigen als diejenigen, die den Koran nicht als trockenes Wissensbuch lesen, sondern ihn schön und herzergreifend rezitieren (Koran, 2:121).

Die Sendung zum Nachhören
Junger Mann hält den Koran eng umschlungen. © picture alliance / Golden Pixels LLC
3 Min

Den Koran mit dem Herzen schmecken

Ein Gastbeitrag von Mouhanad Khorchide 3 Min

Ein Schlüssel zum Verständnis

Den Koran zu lesen, ist keineswegs eine rein kognitive Angelegenheit. Religiöse Erkenntnis findet ihren Ausdruck im Pulsieren des Herzens, in der Demut des Menschen: "Und sie werfen sich nieder auf ihr Kinn, weinend. Und vermehrt wird ihre Demut" (Koran, 17:109), heißt es in Sure 17. Sie weinen, weil Gott ihre Herzen berührt hat. Sie weinen, weil das Herz überwältigt ist von der Begegnung mit der unendlichen göttlichen Liebe: "Er liebt sie und sie lieben ihn". So bestimmt der Koran das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Es ist eine Liebesbeziehung. Und wenn Gott zu Mohammed sagt: "Wir haben dich ausschließlich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt" (Koran, 21:107), dann gibt er den Gläubigen einen Schlüssel zum Verständnis, wie der Koran ausgelegt werden soll - und zwar auch jene Stellen, die von Gewalt handeln. Jede Lesart, die nicht diesem Kriterium der Barmherzigkeit genügt, widerspricht dem Selbstanspruch des Korans an Mohammeds Verkündigung und ist daher zu verwerfen.

Übersicht
Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 22.07.2016 | 15:20 Uhr

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