Stand: 26.06.2020 00:01 Uhr

Das Islambild in den Medien - was bewirken Fotos?

von Andrea Schwyzer

Was erzählen uns Bilder von Musliminnen und Muslimen - etwa in Tageszeitungen oder Onlinemedien - über ihre Lebenswelten? Wie sehr beeinflussen diese Bilder unsere Vorstellungen über den Islam? Welches Bild haben die Betroffenen von sich selbst? Diese Fragen waren Ausgangspunkt einer Diskussion im Rahmen des "Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus"- initiiert vom Cameo-Kollektiv aus Hannover: "Islam im Bild - Bildberichterstattung über den Islam in Deutschland!". Ein Bericht über die Debatte.

Eine Frau hält einen Koran in den Händen und blickt hoch - Fotografie von Shirin Omran mit dem Titel "Euromeislamme" - Sendung Freitagsforum "Islambild in den Medien" © Shirin Omran Foto: Shirin Omran
Dass es nicht den Muslim oder die Muslima gibt, soll die Serie "Euromeislamme" von Shirin Omran visualisieren.

Eine Aufnahme von zwei Frauen mit einem Niqab (einem Gesichtsschleier), auf den Knien betende Männer (unter ihnen kunstvoller Teppich), eine Halbmond-Sichel auf einer Moschee, fotografiert im grellen Gegenlicht der Sonne: Es sind Bilder, die den Islam zeigen. Und zwar immer gleich: "Seht, so anders sind sie!" Sie zeigen ihr Gesicht nicht, beten den ganzen Tag und treffen sich hinter verschlossener Tür in der Moschee. Die Migrationsforscherin Christine Horz sagt, es seien Bilder, die etwas zuspitzen. "Sie blähen einen bestimmten Sachverhalt auf. Dadurch, dass dieser bestimmte Sachverhalt immer wieder in den Fokus gerückt wird, sowohl textlich als auch bildlich, wird dieser Sachverhalt als Merkmal für diese soziale Gruppe der Muslime in der Gesellschaft genommen."

 

Theologe Junus El-Naggar: "Viele spannende Geschichten fehlen"

Mit der Lebensrealität von Musliminnen und Muslimen haben diese Fotografien wenig zu tun, sagt etwa der islamische Theologe Junus El-Naggar: "Wir haben so viele spannende Geschichten, aber das ist eben nicht abgebildet - gerade durch solche Symbolbilder." Symbolbilder sind besonders auch im Kontext der Veröffentlichung problematisch: etwa wenn es um schlechte Bildungschancen, Gewalt oder Integration geht. Trotzdem werden Fotos von verschleierten Frauen und betenden Männern in deutschen Tageszeitungen, auf Online-Plattformen und im Fernsehen x-fach gezeigt. Für einen praktizierenden Muslim, wie Junus El-Naggar, hat das Folgen: "Man wird als Moslem schnell zum Ansprechpartner für alles, was mit dem Islam zu tun hat. Das heißt, nicht die Reisen, die man erlebt hat oder nicht als Experte in einem Gebiet oder das Talent an der Violine steht im Fokus - sondern diese islamische Teilidentität.

Bebilderungszwang - ohne Foto keine Meldung

Doch warum werden immer wieder diese gleichen Bilder benutzt? Die Bildredakteurin Nadja Masri kennt den Grund: "Die Devise bei vielen Tageszeitungen lautet: 'Online oder Mobile first!'". Der Artikel allein genügt also nicht mehr. Fotos müssen her! Sie lockern den Text für die Website oder das mobile Endgerät auf. Nadja Masri spricht von einem Bebilderungszwang: "Das heißt: Es erscheint eigentlich keine Meldung ohne ein Foto.

Seltene Fotos von Muslimen als Teil der hiesigen Gesellschaft

Zwei Menschen unterhalten sich auf einem Dach unter einem Minarett - Fotografie Sima Dehgani zum Thema Ökoislam - Sendung Freitagsforum "Islambild in den Medien" © Sima Dehgani Foto: Sima Dehgani
In der Foto-Reportage "Ökoislam" erzählt Sima Dehgani von jungen Musliminnen und Muslimen, die sich für ein ökologischeres Bewusstsein von Moscheegemeinden einsetzen.

Diese Fotos müssen schnell verfügbar sein, dürfen nichts kosten, werden oft nicht von ausgebildeten Bildredakteurinnen herausgesucht und in den seltensten Fällen von Musliminnen und Muslimen selbst. Denn sie sind in den Redaktionen bislang kaum vertreten. Das muss sich ändern, darüber sind sich die Diskutierenden einig. Außerdem wünschen sie sich eine echte Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen Menschen. Der Fotograf Julius Matuschik versucht das seit vielen Jahren. Aktuell ist er im Rahmen eines Fellowship für die "Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft" dabei, ein neues, möglichst authentisches Bildarchiv über den Islam aufzubauen: "Für das Projekt, an dem ich arbeite, möchte ich vermeiden, nur die religiöse Praxis zu zeigen. Denn das ist eben das, worauf sich viele Medienschaffende erstmal fokussieren. Muslime als Teil unserer Gesellschaft sieht man zu wenig. Da würde ich gern den Fokus drauflegen," so Matuschik. Das würde bedeuten, die Ärztin in Hannover zu portraitieren, den Sternekoch in Hamburg, den Rettungsschwimmer auf Sylt. Individualität zu zeigen, Vielfalt, das ganz normale Leben.

Was können die Betroffenen selbst tun, damit sich das Bild über sie verändert? Der Wissenschaftler Junus El-Naggar fragt kritisch: "Müssen Muslime sich wehren? Müssen sie versuchen, andauernd ein Bild zu entkräften, das von den Medien auch auf anderen Diskursebenen konstruiert wird? Ist das überhaupt ihre Aufgabe?" Ja, auf jeden Fall, erwidert Christine Horz, die zur Partizipation und Repräsentation von Geflüchteten und Einwanderern in den Medien forscht, denn: "Man hat in den Medien nicht die Stimmen der Muslime. Auf andere Art und Weise erfährt die Mehrheitsgesellschaft teils überhaupt nicht, was Musliminnen und Muslime darüber denken." Sie könne sich dann nicht mit deren Perspektiven auseinandersetzen. "Ich glaube, dieses Eingreifen in den Standarddiskurs ist sehr wichtig", sagt Horz.

VIDEO: Abedi: "Habe meine eigenen Werte definiert" (3 Min)

Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik

AUDIO: Seht, so anders sind sie! (5 Min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 25.06.2020 | 15:20 Uhr

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