Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance

Canan Topçus Vision einer muslim-freundlichen Gesellschaft

Stand: 20.11.2020 11:35 Uhr

Die muslimische Publizistin Canan Topçu beschreibt in ihrem Gastkommentar, wie sie sich ein Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland wünschen würde.

von Canan Topçu

Fortschritte in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Islam

Ich weiß nicht, ob Sie es wahrgenommen haben - mir jedenfalls fällt es auf: Neuerdings ist die mediale Berichterstattung über Islam und Muslime vielstimmiger. Es sind inzwischen nicht mehr die "üblichen Verdächtigen", die die Islamverbände und muslimische Communities kritisieren. Es sind nicht mehr die immer gleichen Prominenten und PublizistInnen, die sich öffentlich zu Wort melden, um religiös begründete Praktiken zu beanstanden und Attentate von Islamisten anzuprangern. Leiser geworden sind glücklicherweise auch die Stimmen derer, die bisher reflexartig islamistischen Terror abwehrten mit Sätzen wie "Das hat nichts mit unserer Religion zu tun, Islam ist Frieden".

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Wir sind doch um einiges weitergekommen in der kritischen Auseinandersetzung mit der islamischen Religion, denke ich. Mit "wir" meine ich die Muslime in dieser Gesellschaft. Wir haben die Verteidigungsposition verlassen und begonnen, nicht zeitgemäße Interpretationen des Korans, menschenverachtende Praktiken auch öffentlich zu hinterfragen. Es gibt zudem in der jungen Generation von Muslimen inzwischen viele, die sich außerhalb der Islamverbände und ethnisch organisierten Moscheegemeinden zusammenschließen und sich gesellschaftlich engagieren. Als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind sie in unterschiedlichen Feldern aktiv - in Umwelt- und Tierschutz, Bildung und Wohlfahrt. Das ist eine gute Entwicklung - aber kein Grund, sich zurückzulehnen.

Ein Blick zurück, als es noch unaufgeregter war

Für mich ist das jetzt mal ein Anlass zum Träumen und mir vorzustellen, wie es weitergehen könnte. So seltsam es klingen mag: Meine Vision dieser Gesellschaft führt mich zurück - zurück in eine Zeit in Deutschland, in der es keine Debatten um Kopftuch und Verschleierung, keine um Handschlag und Schächten gab, in der der Islam nicht als große Bedrohung wahrgenommen und Muslime zu Feinden gemacht wurden.

Sicher, es war hier für uns nicht alles prima - vor drei und mehr Jahrzehnten. Anders als jetzt war es aber weitaus ruhiger und das Leben unaufgeregter, weil man nicht so im Fokus von politischen und gesellschaftlichen Debatten stand.

Der Wunsch nach einer zeitgemäßen Auslegung des Korans

Und genau das wünsche ich mir! Ein selbstverständliches angstfreies Miteinander, das sich speist aus solidem Wissen über die eigene Religion und die anderer. Ich wünsche mir, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Koran und dessen Interpretationen dazu geführt hat, dass religiöse Normen zeitgemäß ausgelegt werden und sich an humanistischen Werten orientieren. Vor allem wünsche ich mir, dass menschen-, insbesondere frauenverachtende Gebote und Verbote als solche erkannt und verbannt worden sind.

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Mein Traum führt mich in eine Gesellschaft, in er es keinen Aufschrei gibt wegen eines verwehrten Handschlags, eines Kopftuchs oder einer Verschleierung. Und das, weil es niemanden aufregt, wenn Frauen aus religiöser Überzeugung ihr Haar oder gar ihren ganzen Kopf verhüllen, vor allem aber, weil es gar nicht mehr so viele Frauen gibt, die der Ansicht sind, dass der Koran es so vorschreibt. Denn als in Deutschland geborene und und mit soliden Kenntnissen über ihre Religion sozialisierte Menschen wissen diese Frauen um die patriarchalische Interpretation von Koranversen und lehnen diese strikt ab.

Religionskundeunterricht für alle

Mein Traum führt mich auch in ein Deutschland, in dem alle Bundesländer Religionskundeunterricht eingeführt haben. Alle Schülerinnen und Schüler erhalten solide Kenntnisse über die relevanten Religionen; bekenntnisorientierte Unterweisung für muslimische Kinder und Jugendliche erfolgt auf freiwilliger Basis - dies in Moscheegemeinden, quasi als Pendant zum Konfirmationsunterricht. Und wie in evangelischen und katholischen Kirchengemeinden werden die jungen Menschen an ihren Glauben von Geistlichen oder Lehrerinnen heranführt, die an deutschen Universitäten ausgebildet wurden. Fakultäten, an denen islamische Theologie gelehrt, Religionslehrerinnen und Lehrer, Imame, Seelsorgerinnen und Seelsorger ausgebildet werden, gibt es nämlich an allen relevanten Universitätsstandorten.

Was es aber nicht mehr gibt: Streit um Moscheebauprojekte, weil islamische Gotteshäuser keine Angst mehr machen. Und es gibt keine Moscheen mehr, in denen die Religion aus persönlichen und politischen Gründen instrumentalisiert wird.

Was es aber vor allem gibt: eine starke Kontrolle des Internets und ein Unterrichtsfach, das jungen Menschen Medienkompetenz vermittelt und sie immun gegen Verschwörungserzählungen macht.

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