Stand: 27.06.2019 16:43 Uhr

Auf der Suche nach dem frühen Islam

von Dieter Wulf

Im siebten Jahrhundert erhielt der Prophet Mohammed vom Engel Gabriel den Auftrag, eine neue Religion zu verbreiten. So steht es in der Geschichte des Islam. Aber was weiß man tatsächlich über diese Zeit? Der US-amerikanische Historiker Fred Donner sucht seit Jahrzehnten nach erhaltenen Dokumenten aus der Frühzeit des Islam. Einige davon lagern auch im Ägyptischen Museum in Berlin.

Mohammed habe keine eigene Religion gründen wollen - das meint der Historiker Fred Donner.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Fred Donner, Historiker an der Universität Chicago, mit den Anfängen des Islam: der Lebenszeit von Mohammed und den ersten Jahrzehnten danach. Die Zeit der Religionsgründung - zumindest werde es heute in der islamischen Welt so dargestellt, meint Fred Donner: "Das traditionelle Bild sagt: Der Islam kam am Anfang. Es war eine völlig unabhängige Religion und hatte nichts mit dem Christentum oder dem Judentum zu tun - ein Unterschied vom ersten Tag an."

Genau das aber bestreitet Donner. Der Islam, glaubt er, habe sich in den ersten Jahrzehnten gar nicht als eigenständige Religion verstanden. Diese Vorstellung kam erst viel später: "Die Quellen, die wir benutzen, um diese Sachen zu verstehen, sind nicht aus dem siebten Jahrhundert, der Zeit der Eroberungen, sondern das sind spätere Quellen. Sie geben uns ein nachträgliches Verständnis davon, was vielleicht passiert ist."

Die Suche nach frühen Schriftdokumenten

Weltweit durchstöbert Donner daher historische Archive nach diesen frühen Schriften, meist auf Papyrusrollen. Er ist einer der ganz wenigen Historiker, die anhand der Schreibweise der Papyri erkennen können, wann sie entstanden sind: "Um 700 ändert sich die Schrift und manche Buchstaben werden anders geschrieben", erklärt er.

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Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Fred Donner mit den Anfängen des Islam.

In Wien, London oder in den USA - überall suchte Fred Donner nach diesen frühen Schriftdokumenten. Aber auch das Ägyptische Museum in Berlin verfügt über eine nicht unerhebliche Sammlung von Ausgrabungen auf der Nilinsel Elephantine im Süden Ägyptens. Wegen der beiden Weltkriege und der Teilung Berlins lagert ein Großteil der wertvollen Funde bis heute unrestauriert in kleinen Pappkartons, erklärt Verena Lepper, die Kuratorin der Berliner Papyrussammlung: "Auf der Kiste steht: 'Elephantine, 5. bis 12. November 1907' - das ist das Datum, an dem diese Kiste durch die Ausgräber auf der Nilinsel Elephantine befüllt wurde.

Der Islam in einem anderen Licht

Ein kleinerer Teil dieser damals gefundenen Papyri ist bereits bearbeitet und ist für Forscher wie Fred Donner in der Berliner Papyrussammlung mittlerweile verfügbar. Diese ganz frühen Schriften, so die Analyse des amerikanischen Historikers, zeigen den Islam in einem ganz anderen Licht: "Es gab Soldaten im Militärdienst, die offensichtlich Christen sind. Auch Menschen in der Bürokratie waren Christen - auch an der Spitze der Verwaltung."

Junger Mann hält den Koran eng umschlungen. © picture alliance / Golden Pixels LLC

Auf der Suche nach dem frühen Islam

NDR Kultur - Freitagsforum -

Was weiß man über die Frühzeit des Islam? Der US-amerikanische Historiker Fred Donner sucht seit Jahrzehnten nach erhaltenen Dokumenten aus dieser Zeit und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.

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Mohammed, glaubt Fred Donner, habe also keine eigene Religion gründen wollen. Für den Historiker beschreiben die frühen Schriften die Muslime als eine Bewegung, die anfangs den Monotheismus gegen die in der Region damals noch weit verbreitete Vielgötterei durchsetzen wollte. Wie ein Brief zeigt, der an einen der ersten Kalifen gerichtet war, vermutlich sogar noch zu Lebzeiten Mohammeds: "Es hat all diese monotheistischen Formeln wie 'Im Namen Gottes', 'Salam aleikum', 'Der Friede sei mit dir' und 'Gnade Gottes'. Aber es erwähnt den Propheten nicht, erwähnt den Koran nicht, zitiert den Koran nicht. Es ist allgemein monotheistisch."

Anfangs hatte man jeden, der sein Leben Gott widmete, als Muslim bezeichnet. Auch ein Christ oder ein Jude konnte ein "Muslim" sein. Das änderte sich etwa um das Jahr 700, also etwa 60 oder 70 Jahre nach dem Tod des Propheten. Das Wort "Muslim" wurde von da an nur noch für die eigene Gruppe verwendet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 28.06.2019 | 15:20 Uhr