Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend

Samstag, 16. November 2019, 08:30 bis 09:00 Uhr

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger bei den Usedomer Literaturtagen 2015 © Usedomer Literaturtage
Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger.

Hans Magnus Enzensberger hat in der Literaturgeschichte der Bundesrepublik von früh an eine bestimmende Rolle gespielt – nur Günter Grass, Siegfried Lenz und Martin Walser können sich unter den Generationsgenossen mit ihm messen. Keiner verstand so wie er die Kunst der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Dabei ist Enzensberger die fast reine Verkörperung eines Typus, der nicht zur Identifikation auffordert und in der Regel wenig Sympathie auf sich zieht: des Intellektuellen. Im Literaturbetrieb ist er ein Einzelgänger, aber stärker verknüpft als wohl jeder andere mit öffentlichen Institutionen, vor allem den Medien. Für dieses Programm, das frühere Dritte des Norddeutschen Rundfunks, hat er seit den späten fünfziger Jahren ein halbes Hundert große Sendungen geschrieben. Er ist eine Orientierungsfigur, beinahe ein Vorbild für die besten Vertreter des Journalismus, findet aber bei seinen Kollegen selten Sympathie. Aufschlussreich sind die Sätze, die Peter Weiss über Enzensberger in seinem Tagebuch notierte: "Eigentlich kämen wir ganz gut miteinander aus, wenn ich nur etwas anders wäre, etwas verspielter, frecher... Ist er hochmütig? Er wirkt nie so, gibt sich immer anspruchslos, fast bescheiden – und dann schlägt er alle doch wieder mit seiner Intelligenz, die giftig werden kann. Ja, er hat etwas Siegreiches, Triumphierendes, er überrascht jeden, mit seinem schnellen Erscheinen und Verschwinden, mit seinen treffsicheren Urteilen – und dann kann er auch wieder entwaffnend sein, mit einer Herzlichkeit, er kommt wirklich auf dich zu als der alte Freund, du glaubst ihm, du bist sicher, dass du ihn völlig verkehrt eingeschätzt hast..." So Peter Weiss im September 1978. Man begreift in diesen werbenden, bewundernden, schmerzlich-neidvollen Zeilen, dass Weiss an Enzensberger eine ungewöhnliche Freiheit bewunderte: große intellektuelle Festigkeit und Sicherheit, gepaart mit einer unglaublich feinen Empfindlichkeit und Sensitivität. – Der Aufsatz "Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie" entstand 1976 und wurde zwölf Jahre später in dem Sammelband "Mittelmaß und Wahn" veröffentlicht.

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