Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story: Reise in die Sowjetunion 1934

Samstag, 19. Oktober 2019, 08:30 bis 09:00 Uhr

"Ich war ein schöner Revolutionsheld und ich bin, während andere kämpften, Sekt saufen und zu Huren gegangen. Allerdings habe ich nirgends behauptet, dass ich ein revolutionärer Mitkämpfer war. Ich war ein unentschiedener, leicht angerebbelter, kopfloser Bohème-Typ, weiter nichts." So beschrieb Oskar Maria Graf sich selbst. Er bezeichnete sich als Provinzschriftsteller und kokettierte gern mit seiner bairisch-bäuerlichen Herkunft. 1894 geboren, emigrierte er 1933 zunächst freiwillig nach Wien, dann 1934 gezwungenermaßen nach Brünn in der Tschechoslowakei, nach Prag und schließlich über die Niederlande nach New York, wo er 1967 starb. Politisch links, aber zwischen allen Stühlen sitzend, trat Graf konsequent für eine Einheitsfront ein und machte sich damit weder bei der SPD noch bei der KPD beliebt.  1934 erhielt er eine Einladung zum "Unionskongress der Sowjetschriftsteller". In Moskau fiel er auf, weil er auch dort seine Lederhose, den Janker und die Kniestrümpfe nicht ablegte. Von den "Bresprisonis", den Moskauer Straßenjungen fasziniert, fand er schnell Kontakt zum einfachen Volk, aber auch zu Schriftstellern wie Maxim Gorki und Boris Pasternak. Mit dem literarischen Avantgardisten Sergej Tretjakow entwickelte sich über Jahre hinweg eine Freundschaft. Das Buch "Reise in die Sowjetunion", das Graf nach seiner Rückkehr schrieb, berichtet erfrischend und unvoreingenommen von Erfolgen und Problemen im Sowjetstaat. Es wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.