Stand: 16.11.2017 17:32 Uhr

"Wer hat, der hat – vielleicht auch einen echten da Vinci"

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

Über 25 Millionen Eintrittskarten für den Louvre mit freiem Blick auf da Vincis Mona Lisa hätte man für das teuerste Bild der Welt kaufen können. Aber nein, ein Unbekannter wollte auf die nicht unbedingt echte männliche Mona Lisa schauen, allein und exklusiv für schlanke 450 Millionen Dollar. Wer hat, der hat, meint unser NachDenker Rainer Sütfeld:

Für einen möglicherweise gar nicht echten da Vinci kann man vier Luxusapartments in New York kaufen, aber leer stehende Wohnungen hat man ja schon in der HafenCity, in Venedig oder Shanghai - da gleich noch mit einem Stellplatz für 600.000 Dollar. Was man als Oligarch, Ölprinz oder Firmenerbe jetzt braucht, ist was für die Wände. Davon hat man schließlich genug zwischen Riad und Tokio. Und da man als Mann auf seine männlichen Attribute nichts mehr geben und damit schon gar nicht angeben darf - ein Auto, selbst ein Ferrari-Oldtimer für 38 Millionen, beim Smog in Shanghai auch besser auf dem Stellplatz bleibt - da protzt man doch lieber mit einem absurden Rekordpreis vor seinen Freunden, die auch schon alles haben und sich jetzt über den billigen Ex-Rekord-Picasso an der eigenen Wand ärgern. Der 180-Millionen-Schinken ist sicher bald wieder auf dem Kunstmarkt – mit Potential nach oben.

Es stinkt zum Himmel: Das Geld, das nicht die Welt regiert, sondern sie schlicht überflutet. Wenige, aber doch zu viele verdienen oder haben so viel, dass sie nicht wissen, wohin damit. Im Kunstmarkt sind sie da noch gut aufgehoben. Der Schaden, den sie anrichten, ist begrenzt - im Gegensatz zu dem auf den Wohnungsmärkten.

Was Christus dazu wohl sagen würde?

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Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" während der Versteigerung im Auktionshaus Christie's.

Die Versteigerungen haben Showcharakter mit hohem Unterhaltungswert und Aufregungspotential. Und Auktionshäuser wissen offenbar, wie die Show auch für sie rentabel wird: Echtheit des Objekts der Begierde hin, Echtheit eines da Vinci her - Hauptsache die Werbung war weltweit gut. Was der Christus auf dem Gemälde nur dazu sagen würde oder Leonardo selbst, obwohl der in Sachen Kunst durchaus auch unternehmerische Fähigkeiten hatte.

Nun, vielleicht tue ich auch einer sensiblen Liebhaberseele weh, die selbst bei denen zu finden sein könnte, die teure Werke mit garantierten Echtheitszertifikaten aus Museen klauen lassen, um den Anblick daheim im Keller mit einem Glas Macallan M in der Hand exklusiv zu genießen - Flaschenpreis für den Single Malt: 467.000 Dollar. Keine Ahnung, wobei das Kribbeln größer ist und wer jetzt auf "Salvator Mundi" schaut.

Zwei Glas Whiskey für einen echten Kracher?

Übrigens: Der Ankaufsetat für das nicht gerade unwichtige Sprengel Museum zu Hannover liegt derzeit bei nur noch 100.000 Euro, also bei zwei Glas Whisky. Natürlich gibt es noch Stiftungen und Schenkungen, die die Sammlungen wachsen lassen und die Chancen auf dem Kunstmarkt erhöhen. Aber von dem Irrsinn der Herbstauktionen sind die Möglichkeiten der Museen weit entfernt.

Florian Illies © dpa - Fotoreport Fotograf: Frank Pusch

"Ich freue mich ganz ungetrübt"

NDR Kultur

Wir haben mit dem Autor und Leiter des Berliner Kunsthauses Grisebach Florian Illies über das 450-Dollar-Gemälde von da Vinci gesprochen.

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Die Sammlungen zwischen Florenz und Oslo, Paris und New York sind auf der anderen Seite der Garant für unser künstlerisches Gedächtnis: Bilder meist echt und meist für uns zugänglich, gegen nur ein Eintrittsgeld. Was braucht es die eher unechte männliche Mona Lisa, wenn wir für 15 Euro zum Originallächeln pilgern können? Einzig die Verkaufspolitik mancher Museen, denen das öffentliche Geld ausgeht, könnte meiner schönen heilen Kunstwelt gefährlich werden. Mona Lisa würde sicher Milliarden bringen. Multimilliardäre gibt’s ja genug, Tendenz auch steigend.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 17.11.2017 | 10:20 Uhr