Stand: 26.10.2017 18:15 Uhr

Neue Zeit? Unsere Zeit!

von Ulrich Kühn

Manchmal muss ein NachDenker seine Gedanken energisch nach vorne werfen. Sonst verschläft er das Wichtigste. Zum Beispiel die Zeitumstellung, die uns jetzt wieder ereilt. Pardon, sie "ereilt" uns nicht, vielmehr bekommen wir, Sie kennen die alte Floskel, "eine Stunde geschenkt". So was darf man getrost verschlafen. Oder lieber nicht?

Immerhin ist das Verdrehen der Uhr nicht der einzige Vorgang, der die Zeit neu justiert. Da wacht man morgens auf, und plumps, plötzlich ist "Neue Zeit". Alle sind dann fürchterlich aufgeregt. Im Bundestag, zum Beispiel, sei jetzt die "Neue Zeit" angebrochen, das habe ich so oft gelesen, bis ich es fast schon glaubte. Eigentlich komisch, nicht: Wenn Wolfgang Schäuble, 75, dem Hohen Haus präsidiert, beginnt die "Neue Zeit". Typisch Wirklichkeit, könnte man sagen, sie legt eben Wert auf Paradoxien. Aber stimmt es denn? Ist wirklich "Neue Zeit?" Ich muss gestehen, dass ich in Sachen Schäuble persönliche Befangenheit überwinden muss. Der Mann ist zufällig auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert älter als ich, als er dem Bundestag beitrat, war ich ein kleiner Bub; trotzdem käme ich nie auf die Idee, mit der Trompete in die Welt zu blasen, ein Herr meines mittleren Alters repräsentiere die "Neue Zeit". Und Schäuble? Na gut, er selbst hat das auch nicht getan, er ist ja ein Mann des kalten Verstands und steht im allgemeinen Bewusstsein für Hergebrachtes und Stabilität. Trotzdem wurde der Umstand, dass nun er dieses Amt bekleidet, als Zeichen der "Neuen Zeit" gedeutet. Verstehen Sie mich nicht falsch, von Altersrassismus halte ich nichts, von Jahr zu Jahr immer weniger, also weniger als nichts. Ich finde es sehr wohl sinnvoll, in den zähen Teig, aus dem die Welt gebacken wird, immer auch ein paar Prisen des Besten aus vergangenen Zeiten zu kneten. Damit unser Gegenwartskuchen morgen noch genießbar ist. Aber darum geht es ja nicht. Es geht um die seltsame Frage, ob eine "Neue Zeit" beginnt.

Ulrich Kühn © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Die NachDenker: Neue Zeit? Unsere Zeit!

NDR Kultur - Die NachDenker -

Es ist wieder Zeitumstellung - und zwar auch im Bundestag. Wo beginnt eine "Neue Zeit". Das hat unseren NachDenker Ulrich Kühn natürlich nicht ruhen lassen.

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Mit dem großen Diagnosebesteck seiner Zeit zu Leibe rücken, die "Neue Zeit" auszurufen, um die Zukunft zu antizipieren - das macht natürlich prächtig was her. Man kann sich halt nur so blöd vertun, in jede erdenkliche Richtung. 1925 stand in der "Weltbühne" über Hitler, der seine Zukunft hinter sich zu haben schien: "Er war, nehmt alles nur in allem, ein süßer Schneck". Da fröstelt man, oder? Ich habe das aus dem Buch "Geschichte der Zukunft" vom Historiker Joachim Radkau, der lang und breit schildert, was aus all den Prophezeiungen wurde, die unsre Altvorderen einst aus ihren Diagnosen gewannen. Milde karikiert: Der private Atommeiler im Garten zur Lösung des Energieproblems war noch ein kleiner Irrtum. Ginge es nach den Propheten von gestern, lebten wir auf dem Mars.

Erstens kam es aber anders und zweitens, als man dachte. Und weil das so ist, verweigere ich der "Neuen Zeit" vorerst meinen Gruß. Zeit ist nicht alt oder neu. Sie "ist" erst einmal. Und dann werden wir sehen.

Tut mir leid, so kann's gehen. Man wirft Gedanken nach vorn, nicht weit, nur bis zum Wochenende, wenn "die Zeit umgestellt wird" und man uns "eine Stunde schenkt". Und plötzlich begreift man: Zeit kann nicht eben mal umgestellt werden, weil die Menschen das wollen. Es sieht vielleicht so aus auf der Uhr und im Leitartikel. Aber es stimmt nicht. Zeit "ist" - und wir sind in ihr. Und das ist alles. Jede Stunde ist geschenkt. Machen wir also das Beste draus. Es ist unsere Zeit. Und eine andere haben wir nicht.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 27.10.2017 | 10:20 Uhr