Stand: 02.11.2017 18:39 Uhr

Lachen, Staub und Politik

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

Unser NachDenker weiß in dieser Woche nicht, ob er lachen oder weinen soll über das, was sich da zwischen Barcelona und Berlin, Hannover und Brüssel so tut. Aber lachen, da ist sich Rainer Sütfeld sicher, wäre besser, würde helfen - auch in der Politik.

Es ist eine Freude, wenn man über Schlagzeilen der Zeitungskollegen schallend lachen kann. Und bei der oft frechen taz war es die jüngste Titelseite zur Katalonien-Farce: "Männeken verpiss" stand da. Mit was? Mit Recht! Denn wieder einmal hat sich ein Politiker aus dem Staub gemacht, nachdem er unabsehbares Chaos ausgelöst und es in Barcelona auf die Spitze getrieben hat, um sich dann nach Brüssel abzusetzen. Jene, die in Katalonien emotional engagiert aber blauäugig für eine Unabhängigkeit gestimmt hatten, schauen nun genauso in den Abgrund wie die Briten nach der Brexit-Abstimmung. Der Schaden ist angerichtet - und das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Lachen als integralen Bestandteil guter Politik

Bild vergrößern
Verkehrsminister war einmal: Alexander Dobrindt ist neuer CSU-Landesgruppenchef.

Eigentlich wollte ich über das Lachen als integralen Bestandteil guter Politik unter besonderer Berücksichtigung der verbreiteten Trostlosigkeit in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung nach Einnahme von Cannabis nachdenken. Keine Sorge ich bin Nichtraucher. Und ein Joint ist nicht mein Freund. Genauso wenig wie ich Freunde bei den Sondierungsgesprächen ausmachen konnte, als man dort über die Freigabe von Cannabis lachte. Es wird viel gescherzt auf den Nachsondierungs-Pressekonferenzen der vier Parteistrategen, meist richtig schön auf Kosten der anderen. Übrigens auch bei den nächtlichen Balkonszenen, die weit von Romeo und Julia entfernt sind, steht oft solch ein Aus-dem-Staub-Macher. Dobrindt heißt er und vom Verkehrsministerium will er nichts mehr wissen, der Schaden bei Abgasen und Maut ist angerichtet, die Straßen für Bayern sind gesichert. Dafür ist er jetzt Münchens Wadenbeißer an der Spree, sprich CSU-Landesgruppenchef. Auch da wird’s nichts mit dem Lachen, höchsten im Bierkeller.

Aber es geht auch andersherum: Man beschmutzt seine Schuhe erst gar nicht mit dem Staub, aus dem man sich dann machen könnte. Grüne und Gelbe in Niedersachsen sind sich so spinnefeind, dass auch ein Joint nichts nützt. Selbst ein Fass ortsüblichen Ratskellerpilses macht beide Dickköpfe nicht machtbesoffen. Was ansteht, ist eine Große Koalition, die eher Trostlosigkeit in der norddeutschen Tiefebene erwarten lässt, wahrlich kein Spaß. Eine Zweckehe, wie sie Thomas Mann nicht besser hätte beschreiben können.

Trump - ein Grund zum Lachen?

Aber immerhin wird es uns in Deutschland und seinen Bundesländern besser gehen als den Katalanen oder den Briten. Wenn auch bekannt humorlos, werden sich Politiker zusammenfinden, um zu regieren. Für grundsätzliche Verunsicherung besteht also wenig Anlass. Weniger als in dem Land, in dem Bundesstaaten Cannabis freigegeben haben. Dort lacht man immerhin viel - über den Präsidenten. Aber der richtet täglich Schaden an und weiß noch nicht mal was Staub ist, in den er sich werfen müsste. Also wieder nichts.

Und bei den Hoffnungsträgern ihrer Länder? Macron ist staubtrocken und das noch jüngere Erfolgsgenie in Österreich hat ohne auch nur ein winziges Lächeln die staubigste aller Politikalternativen gewählt.

Lächerlich aber amüsant

Lachen, so scheint es mir, findet sich nur auf den Wahlplakaten, die noch ab und an vergessen an den Straßenlaternen hängen. So ist mein Ansatz gescheitert. Politik ist eine todernste Angelegenheit. Wer zuerst lacht, hat verloren, besonders in Talkshows. Aber vielleicht singt die neue SPD-Fraktionschefin ja mal wieder ein Lied im Bundestag, das ist dann zwar lächerlich, aber immerhin amüsant und kulturell wichtig. Und vielleicht wird ja Gregor Gysis Wunsch wahr und er eröffnet den nächsten Bundestag als Alterspräsident. Der Humor, das Lachen in der Politik hätte dann doch noch gewonnen.

Rainer Sütfeld © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Die Kolumne zum Nachhören

NDR Kultur - Die NachDenker -

NachDenker Rainer Sütfeld weiß in dieser Woche nicht, ob er lachen oder weinen soll über das, was sich zwischen Barcelona und Berlin, Hannover und Brüssel so tut.

5 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Übersicht

Die NachDenker

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 03.11.2017 | 10:20 Uhr