Stand: 01.02.2018 18:15 Uhr

Kunst, Moral und Künstlerleben

von Ulrich Kühn

Die #MeToo-Debatte dauert schon lange an und nimmt viele Wendungen. Jüngst kreiste sie wieder um die Frage, wie man es mit Kunstwerken halten soll, deren Schöpfer gewalttätig wurden. Es geht nicht nur um aktuelle Fälle. Man kommt an dieser Debatte nicht vorbei - merkt auch unser NachDenker Ulrich Kühn.

Als ich zwei Tage lang mit all meinem Charme und meinem Verführungstalent gegrübelt hatte, worüber ich diesmal nachdenken könnte, aber partout kein Gedanke sich hatte locken lassen; als ich vollends feststellen musste, dass mein Hang, Gewalt auszuüben, so inexistent ist wie eh und je, weshalb auch kein Gedanke sich zwingen ließ - als das so war, plumpste ich deprimiert in den Sessel. Hockte da, war frustriert und hätte zur Kompensation einen kleinen Mord begehen können, aber halt, siehe oben, kein Hang zur Gewalt; und überhaupt, ein Mord?

Von Caravaggio bis Picasso

Ich bin nicht Caravaggio, der mordende Maler; bin nicht der Bildhauer Benvenuto Cellini, der nach eigener Auskunft im Alter zwischen dreißig und vierzig gleich drei Morde beging, der viermal der Sodomie angeklagt war und durch und durch liederlich lebte; bin keines dieser dunklen Genies, die, wie der Schriftsteller Jean Genet oder wie Pablo Picasso ihr Leben mit Verbrechen und Verfehlung spickten. Ich weiß nur, dass ich seinerzeit, als ich von Caravaggios Mord noch nichts wusste, von einem Caravaggio-Gemälde tief beeindruckt war. Es handelt vom Augenblick nach einer Tötung. "David mit dem Haupt des Goliath", so heißt es. Mich fesselte es so, dass es Ausgangspunkt eines langen Textes wurde, den ich für mich schrieb und behielt.

Ich hatte das Bild wirken lassen und glaubte danach, etwas mehr zu verstehen über Leben und Sterben, Macht und Ohnmacht und die Verhältnisse zwischen den Menschen. Und jetzt sagen Sie mir bitte, denn das ist ja die Frage, um die sich wieder alles dreht in den Ausläufern der #MeToo-Debatte, die so gut und richtig begann: In dem Moment, in dem ich erfahre, dass Caravaggio gemordet hat - in demselben Moment soll alles, was sein Bild mich lehrte, nichtig sein? In dem Moment soll ich vor mir erschrecken? In dem Moment soll ich Buße tun? Ja, wie aber dann all die Picasso-Fans, in dem Moment, in dem sie erfahren, wie es Picasso mit Frauen hielt? Müssen sie sich nicht geißeln, weil sie Picassos Bilder auch dann noch bewundert haben, als ihnen das längst bekannt war? Denn so war es doch. Wann schließen wir Museen, die Picasso gewidmet sind?

Die Wirkung der Kunst ist nicht Sache des Rechts

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, eine in ihrer Unabhängigkeit imponierende Frau, hat sich in einem langen Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ein paar freie Gedanken gestattet. Sie leugnet keine Sekunde den emanzipatorischen Gehalt der #MeToo-Bewegung, dieser befreienden Attacke auf den Missbrauch männlicher Macht. Sie leugnet keine Sekunde die Notwendigkeit des Aufbegehrens von Frauen gegen sexuelle Gewalt. Sie entdeckt nur, in aller Freiheit, in der Weiterentwicklung von #MeToo den Nachhall eines Puritanismus, für den schon die Verführung ein Machtmissbrauch ist; und wehrt sich mit all ihrer Klugheit und Bildung dagegen, an die Kunst dieselbe Elle zu legen, mit der das Verhalten im Leben moralisch vermessen wird. Denn was ist und kann Kunst? Kunst ist kein Erbauungsbrevier. Kunst ist, meint Barbara Vinken, ein Medium, in dem wir Einsicht gewinnen in das Verhältnis von uns Menschen zu Ängsten, Verletzungen, Sexualität: "Als Medium der Analyse, die zeigt, wie es ist, nicht wie es sein soll, ist Kunst unschätzbar, mag uns der Künstler als Person gefallen oder abstoßen."

Das ist und kann Kunst. Und wer da nun, ehe er sich dem Kunstwerk öffnet, die Vita des Künstlers, der Künstlerin bis in die letzte Verästelung auf moralische Reinheit prüfen will, der möge das so halten. Aber ohne Regeln für die Zulässigkeit von Kunst ableiten zu wollen. Das Verbrechen des Künstlers ist Sache des Rechts, die Wirkung der Kunst ist es nicht. Ich, in meiner Gedankennot, mag auf Caravaggios Kunst nicht verzichten. Ich gehe mit ihr über Grenzen, über die ich im Leben nicht ginge, und kehre reicher, wissender in mein Leben zurück. Ein Leben, in dem durch das Erleben von Kunst ein Austilgen und Verbieten von Kunst aufgrund der Sündhaftigkeit des Künstlers eine Undenkbarkeit ist.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 02.02.2018 | 10:20 Uhr