Stand: 18.05.2017 17:53 Uhr

Neue Gesichter braucht die Welt - und das Land

von Rainer Sütfeld

Wie erfrischend, wenn Neue sich durchsetzen in Politik oder Kultur, noch erfrischender, wenn sie jung sind - und nicht altbekannt. In den letzten Tagen und Wochen gab es viele Amtswechsel und Neubesetzungen und trotzdem ist unser NachDenker nicht zufrieden.

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NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

Neue Gesichter braucht die Welt. Da ist der jüngste Präsident der Fünften Republik. Mit 39 Jahren hat er weltweit begeistert, als er nonchalant die ganze Last Frankreichs, nein, ganz Europas auf sich nahm. Und das mit dem charmantesten Lächeln, das der Elysee Palast je gesehen hat. Emmanuel Macron hat selbst die Physikerin Angela Merkel zum Schmelzen gebracht, zur Poetin werden lassen. Diesem Anfang wohnte sogar im Bundeskanzleramt ein Zauber inne. Und dann kommt demnächst noch Barack Obama und trifft, welch weiterer Zauber, seine Lieblingskanzlerin auf dem Kirchentag. Ein kleiner Hinweis darauf, wie inniglich sich die Welt ein anderes, neues Gesicht in Washington wünschen würde, möglichst bald.

Koalition für den nächsten Karriereschritt platzen lassen

Ein neues Gesicht, gar eine junges wird frau in Berlin aber wohl leider so bald nicht sehen, lieber Martin Schulz. Da sind wohl die Neuen in Düsseldorf und Kiel vor. Ganz anders die Lage in Wien. Da spielt einer Macron, zumindest in seiner eigenen Partei, wirft mit 30 Jahren alle Regeln um und stellt sich selbst an die Spitze. Der jüngste und smarteste Außenminister an der schönen blauen Donau lässt für den nächsten Karriereschritt ganz nebenbei eine große Koalition platzen. Gestriegeltes Selbstbewusstsein demnächst vielleicht als Kanzlerportrait. Ach ja, er heißt Kurz, Sebastian Kurz.

Neue Gesichter gibt es sicher auch zum Ende der Saison auf Trainerstühlen zwischen Dortmund und Leverkusen, Und auch die Kultur liefert mit Chris Dercon einen Neustart, den die Berliner Kunstwelt nicht gar so euphorisch begrüßt hat, wie die Kanzlerin ihren dritten Präsidenten aus Paris. Aber immerhin will er auch zaubern in und um die Volksbühne herum.

Neue Gesichter sind männlich - wirklich?

Haben Sie’es gemerkt? Wenn es um neue Gesichter 2017 geht, ist auf dieser Welt nur von Männern die Rede. Wirklich auf der ganzen Welt? Nein in einem von unbeugsamen Niedersachsen bevölkerten Dorf übernehmen zwei Frauen die Staatskultur. Laura Berman und Sonja Anders werden uns in zwei Jahren aus den Programmheften von Staatsoper und Schauspiel Hannover entgegen lächeln. Immerhin, denn weder in Rathaus noch Staatskanzlei steht eine Frau auch nur in Reserve für den Chefsessel.

Täusche ich mich oder bleiben die meisten Führungspositionen mehr in der Politik denn in der Kultur und von der Wirtschaft ganz, aber wirklich ganz zu schweigen, trotz aller Lippenbekenntnisse, Weltfrauentage und Quotenideen wieder zunehmend Männern überlassen? Wo sind etwa bei den Grünen die Nachfolge-Power-Frauen? Hätte das Land nicht mal eine jüngere überzeugende Bundespräsidentenkandidatin verdient gehabt. Hat die Männerriege der Bundes-SPD keine Alternativen zu alt bekannten Gesichtern auch im Bundeskabinett? Nicht nur neue Gesichter, sondern endlich neue Frauen braucht das Land. Dass zwei Frauen in Hannover Leitungspositionen an führenden Bühnen inne haben werden, sollte irgendwann bitte schlicht unaufgeregte Normalität sein und nicht als irgendein Statement einer Ministerin hinterfragt werden.

 

Die Kolumne zum Nachhören
03:01

Neue Gesichter braucht die Welt - und das Land

19.05.2017 10:20 Uhr

Wie erfrischend, wenn Neue sich durchsetzen in Politik oder Kultur, noch erfrischender, wenn sie jung sind - und nicht altbekannt, findet unser Nachdenker in dieser Woche. Audio (03:01 min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 19.05.2017 | 10:20 Uhr