Stand: 28.12.2017 15:24 Uhr

Ein unvollendetes Jahr

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

"Das Unvollendete" könnte man und auch Frau das Jahr 2017 nennen. 365 Tage sind einfach zu wenig. Von den rund 80.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt stapeln sich noch allzu viele ungelesen in den diversen Literaturredaktionen. Die Brandschutzanlagen am Berliner Flughafen sind auch noch nicht fertig im Gegensatz zur Staatsoper Unter den Linden, die es mit Ach und Krach rechtzeitig vor dem Jahreswechsel geschafft hat. Wurde auch Zeit, denn das West-Pendant meldete zur Weihnachtszeit Land unter, dort hat die Sprinkleranlage überfunktioniert, Brandschutz ganz ohne Feuer. Statt Nussknacker nur Wasserballet. Aber Berlin war und ist immer unfertig.

Viel zu viel mittelmäßige Solostimmen

Nur, dass das auch auf unsere Politiker in und um den Reichstag abfärbt, ist neu. 2017 ist das Jahr der unvollendeten Regierungsbildung. Nachdem der erste Satz mit seinem Jamaika Thema verklungen ist, folgt nun der zweite Satz, der gemäß der Tradition im Kontrast zum dramatischen ersten stehen sollte. Aber wer die Töne zwischen den Sätzen vernimmt, weiß, dass hier kein Franz Schubert am Werk ist, sondern unglaublich viele Stimmen die Symphonie verderben. Ob Schubert sein Werk mit zwei Sätzen als vollendet ansah oder nicht, darüber stritten Musikwissenschaftler, genau wie Politiker über die Frage, ob die zweite Groko ein Meisterwerk werden kann. Im Moment sieht es eher so aus, dass es viel zu viel mittelmäßige Solostimmen gibt und keine Dirigentin. Besonders der alte Arbeiterchor zeichnet sich durch maximale Dissonanzen aus. Das Publikum steht staunend davor und hält sich die Ohren zu. Oder können Sie die Gabriels und Söders dieser Karaoke-Inszenierung noch hören?

Zauberflöte vs. Göttinnendämmerung

Die gut gewässerte Deutsche Oper hätte in die gerade von der Staatsoper geräumte Ersatzspielstätte umziehen können, aber ein politisches Ersatzensemble steht eben nicht so einfach bereit. Auch Neuwahlen werden an Personen und Konstellationen nur wenig ändern, die Töne blieben schräg. Eine Zauberflöte müsste her, aber auch die wurde an der Deutschen Oper abgesagt. Und wie man weiß, liebt die Dirigentin im Kanzleramt eher Wagner denn Mozart. Keine Angst, ich sag jetzt nicht, dass 2017 das Jahr der Göttinnendämmerung war, weil auch die ja noch unvollendet ist.

Also lächeln wir am Ende

Aber zurück zu Schubert. Ein weit besserer Musikkenner als meine Wenigkeit schrieb zur Unvollendeten: "Der erste Satz schloss abgrundtief und hoffnungslos. Und doch gibt es einen zweiten Satz. Dieser verklingt lächelnd und leicht, voller Hoffnung auf das, was es nicht geben wird." Also lächeln wir am Ende des Jahres, nach dem abgrundtiefen Ende des Jamaika-Satzes, doch einfach hoffnungsvoll dem zweiten Satz entgegen.  Begleitet wie immer zum Auftakt eines neuen Jahres von Beethovens Neunter. Nahles und Seehofer, Schulz und Merkel, alle Menschen werden Brüder - und Schwestern. Die Deutsche Oper ist für die Silvesterparty wieder trocken gelegt und auch der Hauptstadt-Flughafen wird irgendwann in diesem Jahrhundert und die Regierungsbildung möglichst bald vollendet. Die Hamburger wissen das und stehen immer noch staunend vor der Elbphilharmonie.

2018 wird schlicht ein vollendetes Jahr!

Rainer Sütfeld © NDR Fotograf: Christian Spielmann

NachDenker - 2017 ein unvollendetes Jahr

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NDR Kultur | Die NachDenker | 29.12.2017 | 10:20 Uhr