Stand: 07.12.2017 18:53 Uhr

280 Zeichen sind genug

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

3.151 Zeichen, so lang, ist sein heutiger NachDenker-Text, 3.151 Zeichen sind heutzutage schlicht zu viel, meint Rainer Sütfeld. Die Welt braucht nicht mehr viele Worte, um unterzugehen. Trotzdem hier an gewohnter Stelle etwas zum Nachdenken in gewohnter Länge.

280 Zeichen reichen, um Schicksale zu besiegeln. Donald Trump weiß das schon lange, ihm reichten dazu schon die 140 Zeichen gänzlich aus - und seine Reden haben ja auch keinen größeren Wortschatz. Peter Gelb, seines Zeichens Chef der Metropolitan Opera in New York, nutzte Twitter, um seinen Stardirigenten James Levine öffentlich zu suspendieren. Keine Pressemeldung, keine Pressekonferenz, kein persönliches Statement des Opernmanagers - nur 280 Zeichen. Twitter-Trennungen sind so einfach. Hierzulande ist die SMS-Trennung unter Paaren weit verbreitet, ein Brief ist schlicht zu viel Aufwand und an ein Vieraugengespräch mag Mann und Frau ja schon gar nicht mehr denken. Und in der Politik hat die alternativlose Kanzlerin schon längst den SM-Service zum politischen Boten gemacht und die Short Message zum Programm. Knapp und kurz, warum viel erklären oder gar miteinander reden.

32 Zeichen, die den Nahen Osten spalten

Gespräch
mit Audio

"Trump wollte beweisen, dass er sein Wort hält"

US-Präsident Trump möchte mit der Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt einen neuen Friedensprozess beginnen. Ist das fahrlässig? Fragen an Gisela Dachs. mehr

"Jerusalem ist Israels Hauptstadt" sind 29 Buchstaben und 32 Zeichen. Blieben noch viele Restzeichen, um die Gründe, Ziele oder Folgen zu nennen. "Weil ich so gern Lunten an Pulverfässer lege" wären 44 weitere Zeichen. "Eine Krise mit Nordkorea reicht mir nicht" andere 41 Zeichen. "Habe ich doch meinen Wählern und Wahlspendern versprochen" immerhin 57 schwergewichtige Zeichen. Zusammen fast 180 Zeichen. Mehr fällt auch dem Twitter-Meister im Weißen Haus nicht ein, vielleicht noch "weil ich kein Weichei bin wie meine Vorgänger" (45 Zeichen).

"Altmaier macht sich in Brüssel gut als Schäuble", aus einem gestrigen SMS-Verkehr mit dem Vizekanzler, "neues Groko-Kabinett nimmt Formen an, lieber Sigmar, bist Du dabei?" Eine SMS, 118 Zeichen. Die Antwort: "Klar" und ein Smiley ": )". Wer braucht noch Koalitionsverhandlungen und Balkone oder gar Parteitage?

Kultur in Kürze

Rainer Sütfeld © NDR Fotograf: Christian Spielmann

280 Zeichen sind genug

NDR Kultur -

Die Welt braucht nicht mehr viele Worte, um unterzugehen. 280 Zeichen reichen, um Schicksale zu besiegeln. Warum also lange Reden schwingen, meint NachDenker Rainer Sütfeld.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Personalien und Programme der New York Opera werden ab sofort nur noch per Twitter verbreitet. 280 Zeichen reichen für jeden e-Programmzettel: "Holländer von Wagner: Liebe reicht nicht, Dauerseemann muss weitere 100 Jahre an Bord bleiben. Bekanntheitsgrad hoch. Mit viel Chor und noch mehr Orchester, Dirigent vorhanden, dazu unsere besten Stimmen. Preise wie immer hoch, Karten schnell weg, live am 29.2.2018, 19.30 Uhr." Geht doch.

Ob quasi öffentlich für alle Follower und Friends oder privatissime per SMS, in der Kürze liegt die Würze - oder der Sprengstoff. Und nicht zu vergessen, für die Kurznachrichten und die ihnen eigene Sprachverkürzung reicht die Lesefähigkeit bundesdeutscher Viertklässler auch nach neuesten Studien vollkommen aus. Nur nicht gleich mit echten Büchern großen Lesefrust erzeugen. Der 280-Zeichen-Aufsatz wäre doch auch mal eine pädagogische Revolution im Deutschunterricht. Und überhaupt, nachdem Hannover nun den 360. Literaturpreis ins Leben gerufen hat und am nächsten Donnerstag erstmals verleihen will, gibt es schon einen für 280-Zeichen-Romane oder -Sachbücher?  Eine Innovation in Zeiten von 1.000-Seiten-Büchern, die weder Viertklässler noch Trump lesen können. Die Jury könnte eine WhatsApp-Gruppe bilden. Kein Geschwätz mehr auf überflüssigen Sitzungen für die Juroren des 361. Preises. Gespräche werden ohnehin überschätzt.

"Nordkorea wird ausgelöscht." 26 Zeichen, die sprachlos machen würden.

 

Weitere Informationen

Die NachDenker

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 08.12.2017 | 10:20 Uhr