Stand: 18.01.2018 16:41 Uhr

Gegen die Angst: Sondierungspapier in drei Zeilen

von Rainer Sütfeld
NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

Fehlen der Berliner Demokratie die Köpfe, die Talente für die Zeiten nach Merkel? Unser NachDenker Rainer Sütfeld jedenfalls ist um den Schlaf gebracht, wenn er an Deutschland denkt in der Nacht, tagsüber hat er nur Angst:

Der Papst hat Angst vor einem Atomkrieg, sagte er auf seiner jüngsten Reise gen Südamerika. Ich sitze an meinem Schreibtisch und habe auch Angst, aber eine Nummer kleiner. Ich habe Angst, dass wir Deutschen zu unflexibel sind, um die Zukunft unserer Kinder in einer freien, toleranten und europäischen Kulturnation zu sichern.

Den Gerichten gehen die Richter aus

Wie vielen großen und kleinen Familienbetrieben geht es auch der bundesdeutschen Großfamilie: Es fehlt an Nachwuchs, an Erben, die den Betrieb übernehmen können. Dass Unternehmen an Fachkräftemangel leiden, mag noch durch die Kollegin Computer ausgeglichen werden. Dass den Gerichten aber die Richter ausgehen, kratzt schon an den Grundfesten unseres Rechtsstaates. Und gänzlich prekär scheint mir die Zukunft der politischen Zunft.

Kein Nachwuchs, keine Talente, keine Visionen, keine Kompromisse. Ein Macron im Nachbarland macht noch keinen deutschen Frühling, ein aufgewachter Bundespräsident noch keine neue Regierung. Will wirklich keine, keiner die Verantwortung für mein Land übernehmen? Übrigens muss es mir niemand zurückgeben, dies Land, das uns alle besser nährt als es viele selbst europäische Nachbarländer vermögen würden, in dem Frieden herrscht und die Willkür nicht.

Spitzenpolitik ist ein sozial unverträglicher, zeitfressender und gesundheitlich hochrisikobehafteter Job. Er gibt im besten Fall Bestätigung und Macht, das Erfolgserlebnis, etwas bewegt zu haben. Geld verdient man woanders besser. Offenbar zu wenig Anreiz für Spitzenkräfte, dieser Berufung nachzugehen. Vielleicht fehlen deswegen schon heute die Köpfe, die Stimmen, die mit Visionen begeistern, aber auch zu Augenmaß und Kompromissen fähig sind. Oder ist es der Mangel an gesellschaftlichem Engagement, der Rückzug ins Private? Das Althergebrachte, die alten Parolen und Attitüden, das "Weiter-so" sind jedenfalls am Ende. Etwas Neues aber noch nicht in Sicht. Das macht unsicher, ja Angst.

Bringt Merkels Vierte Ruhe?

Allen bundespräsidentiellen Beteuerungen zum Trotz: Denke ich an unsere Demokratie in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Und daran würde auch die eher unwahrscheinliche GroKo dieser aufgescheuchten Partner trotz aller Nachtsitzungen wenig ändern. Aber eventuell gäbe uns Merkels Vierte eine Denkpause, in der sich das überhitze Politikkarussell abkühlen und eine Zukunftsdebatte beginnen könnte. Vielleicht ist es auch nur meine Angst vor unsicheren Zeiten, die ich sehe, wenn wir so lange wählen, bis der Demokratieverdruss überhandnimmt. Laut Umfragen steigt die Zahl jener, die sich einen "starken Anführer, der sich nicht um Wahlen und Parlamente sorgen muss", wünschen.

Die Alternative? Mehr Begeisterung für das, was wir haben, mehr Engagement, es zu verteidigen, mehr Bildung, um es zu sichern - und bei der Globalisierung die Gerechtigkeit nicht vergessen. Länger muss ein Sondierungspapier meiner Lieblingskoalition eigentlich nicht sein. Hauptsache angstfrei.

Rainer Sütfeld © NDR Fotograf: Christian Spielmann

NachDenker - Gegen die Angst

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