Stand: 16.03.2017 17:56 Uhr

Das große "Uff" und der Nationalismus

von Ulrich Kühn

Die Gefühle fahren Berg und Tal. Gerade noch Angst bei vielen, Populisten und Neonationalisten könnten demnächst in Europa die Zügel in der Hand halten - jetzt Erleichterung: Ist vielleicht alles gar nicht so schlimm. NachDenker Ulrich Kühn bleibt lieber misstrauisch.

Viele Jahre lang haben wir uns im Gefühl geaalt, wir hätten die Lektion gelernt, die Katastrophe gedeutet, Schlüsse fürs Leben gezogen; hätten begriffen, was folgt, wenn Menschen vorrangig Völker sind, abgezirkelt zu Nationen, die gegen andere stehen, und die, weil jede Nation natürlich die allergrößte ist, den Widerstand der anderen Nationen, die auch die allergrößten sind, durch Gemetzel niederkartätschen. Mit dem Effekt, dass Berge von Leichen sich türmen und die Überlebenden danach lechzen, sich für die Schmach zu rächen. Und so immer weiter. Ja, wir glaubten, es gäbe, Ausnahmen inbegriffen, kaum einen Menschen von Macht und Verstand, der gegen die Einsicht, wie dumm das sei, etwas sagen könnte.

Eine illusorische Einsicht

Adieu, süße Illusion; adieu nicht erst seit vorgestern. Seit Jahrzehnten brandet der Neonationalismus in Wellen an, schafft regional Verheerungen und weicht nach Verwüstung der Landschaft zurück. Jüngst hat er sich dann angeschickt, nicht länger nur eine Welle zu sein, sondern am Ende wieder die Pest. Es ist nicht gesagt, dass er es soweit bringt, man will es auch nicht glauben. Aber wie er überhaupt bis hierhin hat vordringen können, darüber wird gestritten. Gestritten? Na ja, bis eben halt. Jetzt ist es ja nicht mehr nötig. Ein nettes, schlaues, weltoffen-lustiges Land hat der Welt gezeigt, wie man das Stoppschild so platziert, dass noch der üppigst behaarte One-Man-Show-Popular-Nationale mit quietschender Sohle zum Stehen kommt. Danke, Niederlande! Endlich kann man sich wieder in Ruhe der Photoshopisierung seines Ichs zwecks Präsentation in den Netzwerken widmen; endlich kann man, ungestört durch blöde innere Stimmen, Osterspaziergang halten wie einst die lieben Bürger in Goethes "Faust": Nur "hinten weit in der Türkei" hauen sich Menschen zu Brei.

Und spätestens hier hört sich's völlig falsch an. Es ist ja enorm erleichternd, dass die große Regression nicht alle Länder erfasst. Es macht Europa heller, wenn Nationen darauf verzichten, dort, wo einst in Willkür mit Füllhalter und Lineal Grenzen gezogen wurden, Bunkerbeton hinzugießen. Und wenn demnächst auch in Frankreich das hässliche Spiel nicht zum Ziel führt - d'accord, d'accord, merci. Aber da sind noch andere Länder.

Die Pest ist nicht aus der Welt

Und mal ehrlich, auch wenn’s jetzt gut ging: Soll man das Nachdenken über gemachte Fehler abblasen? Wohl lieber nicht. Wo tummelt sich diese Gegenwart? Etwa auf dem Sonnenacker, auf dem kein einziges Problem durch Alternativlosigkeitsmystik zur Gottesfügung umdeklariert wird? Auf der Seligkeitswolke, auf der alle knuddelpuddelig knutschen, weil Menschen unterschiedslos und jederzeit besten Willens wären, wenn man sie nur ließe? In Unsterblichstan, wo Krankheit, Elend, Not dem siegreichen Fortschritt wichen? Oder doch in der Jauchegrube, wo man inzwischen schon jubiliert, wenn mal kurz Gestankpause herrscht? Na, die Jauchegrube nehme ich zurück. Aber es fällt doch auf, wie schwankend die Ansprüche und Urteile sind. Man muss nur die Lauscher aufsperren, das große Geräusch vernehmen, das europaweit dröhnende "Uff". "Uff", gutgegangen! Stein fällt vom Herzen, plumps. Was, wenn der Stein in die Waagschale fällt, die sich zugunsten Erdogans neigt, Orbans und wie sie heißen? Der Nationalegoismus ist nicht aus der Welt, wenn Wilders Zweiter wird.

Klar, auch ich mache "uff". Ich glaube, dass jeglicher Nationalismus besser überwunden würde. Dabei bin ich ganz rührend deutsch, so mit Grübeln und Bach-Lieben und sogar Goethes-"Faust"-toll-Finden. Aber deshalb Esprit und Chopin und Balzac hassen? Welch eine Absurdität. Leugnen wir Probleme nicht, auch die nicht, die uns nicht ins Weltbild passen. Und lassen wir uns zugleich infizieren durch die Größe schön gedachter Gedanken, berührender Musik, gleich, in welchem Land sie entstanden. Ihre Tiefenwirkung imprägniert ganz gut gegen die Talmi-Größe des Neonationalismus. Der ist eine schleichende Pest für das friedliche Leben. Soweit ist es nicht, uff! Und darf soweit aber auch, bitte, nicht kommen.

Die Kolumne zum Nachhören
04:02 min

Das große "Uff" und der Nationalismus

17.03.2017 10:20 Uhr

Die Angst, Populisten und Neonationalisten könnten in Europa an die Macht kommen, ist einer seltsamen Erleichterung gewichen. NachDenker Ulrich Kühn bleibt lieber misstrauisch. Audio (04:02 min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 17.03.2017 | 10:20 Uhr