Sendedatum: 06.06.2020 18:00 Uhr

Über die Liebe zu Dickens und Harry Rowohlt

von Alexander Solloch

Philip Ardagh, einer der ganz großen lebenden (und bärtigen) Schriftsteller, der Erfinder der legendären und komplett durchgeknallten Eddie Dickens-Trilogie (in sechs Bänden), spricht über zwei große (bärtige) Tote: über seinen Übersetzer Harry Rowohlt, der seit fünf Jahren nicht mehr unter uns ist; und über den "unnachahmlichen" Charles Dickens, der vor ziemlich genau 150 Jahren starb.

Schriftsteller Philip Ardagh liest aus "Eddie Dickens" © dpa/Picture Alliance Foto: M. C. Hurek
Philip Ardagh wurde bekannt durch seine Eddie Dickens-Trilogie in sechs Bänden. Außerdem hat er einen beeindruckenden Bart.

Er hat den Mann mit der "schnabelhaftesten aller schnabelhaften Nasen" erfunden und das auf keiner Landkarte zu findende "Bad Dreckskaff", das ausgestopfte Wiesel Sally, das möglicherweise Malcolm heißt, und die Wahnsinnige Tante Maud, die aber, wie sich das im Bildungs- und Entwicklungsroman gehört, nicht einfach dabei stehenbleibt, sondern sich weiterentwickelt zur Noch Wahnsinnigeren Tante Maud. Philip Ardagh heißt der Schöpfer genialer Erwachsenenbücher für am menschlichen Wahnsinn interessierte Kinder, die manchmal mit einem Seufzen feststellen, dass die Erwachsenen um sie herum leider komplett seltsam sind. Gerade ist von ihm auf Deutsch bei "Harper Collins Germany" die Detektivgeschichte "Bell und Fletsch - auf falscher Fährte erschienen.

Berühmt wurde Ardagh vor 20 Jahren mit dem Buch "Awful end", "Schlimmes Ende", dem Auftakt der Eddie Dickens-Trilogie in sechs Bänden.

Mister Ardagh, die Kritik in England hat Ihr "Schlimmes Ende" als "köstliche Kreuzung aus Monty Phython und Charles Dickens" beschrieben. Sind Sie damit einverstanden?

Philip Ardagh: Ich bin mit freundlichen Besprechungen immer einverstanden! Schlechte Besprechungen stammen von unkundigen Ignoranten, die interessieren mich nicht weiter. Aber sobald jemand etwas Nettes über mich sagt, bin ich ganz seiner Meinung und fest davon überzeugt, dass es sich um einen hochintelligenten, gut aussehenden Menschen handeln muss.

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Mit Dickens verglichen zu werden ist ein wundervolles Kompliment. Ich werde Ihnen eine hübsche Anekdote erzählen, das gibt Ihnen die Gelegenheit, sich davonzustehlen und eine Tasse Kaffee oder Tee zu kochen. Als mein "Eddie Dickens" in verschiedenste Sprachen übersetzt werden sollte, kam meine japanische Übersetzerin zu mir nach England, um mir ein paar ganz ernste Fragen zu stellen. Zum Beispiel sagte sie: "In Ihrem Buch heißt es, dass die Eltern Ihres Helden Eddie Dickens eine Krankheit bekamen, von der sie ganz gelb und wellig an den Rändern wurden und nach alten Wärmflaschen rochen." Ich sagte: "Ja." Und sie sagte: "Außerdem heißt es, dass die von Dr. Keks verordnete Therapie darin bestand, Eiswürfel in Gestalt berühmter Generäle zu lutschen." Ich sagte: "Ja." Sie sagte: "Welche Generäle?" Darüber dachte ich kurz nach und sagte:"„Keine bestimmten Generäle. So Generäle generell. Suchen Sie sich einen aus." Das schrieb sie sich auf und sagte dann: "In Ihrem Buch heißt es außerdem, dass Mr. Dickens, der Vater von Eddie Dickens, so sehr unter Höhenangst litt, dass er, als er einmal auf Zehenspitzen stand, von einer Mannschaft durchreisender Philosophen beruhigt werden musste." Ich sagte: "Ja." Und sie sagte: "Wo kamen die denn her?" Darüber dachte ich kurz nach und sagte: "Naja, sie haben halt ein Picknick gemacht." Und so ging es immer weiter mit den Fragen, und am Ende sagte sie: "Bevor ich zu Ihnen gekommen bin, hatte ich eine Rohübersetzung angefertigt. Ich habe Ihr Buch übersetzt, als wären Sie Charles Dickens. Nun aber, nachdem ich Sie getroffen habe, werde ich es ein bisschen blöder machen."

Und ich dachte: Das ist eine gute Übersetzerin. Sie versteht mich. Ich freue mich über jeden Dickens-Vergleich. Dann werden die Leute ein bisschen nervös und denken: vielleicht auch Monty Python.

Das heißt, Sie schreiben wie Charles Dickens, nur ein bisschen blöder?

Ardagh: Ich glaube, die Leute vergessen, wie wunderbar verrückt Charles Dickens war. Denken Sie doch nur an die Mutter von Nickolas Nickleby, die fest davon überzeugt ist, dass ihr Nachbar in sie verliebt sei, weil er Gemüse über den Gartenzaun wirft als eine Art verschlüsselter Liebesbotschaft. Und wir denken: "Mein Gott, die spinnt ja." Etwas später dann, als sie finden, sie sollten mit dem Nachbarn vielleicht mal ein Wort wechseln, sagt sie: "Er ist da drüben!" und deutet auf den Schornstein, aus dem noch seine Beine baumeln. Dickens war verrückt, er hat wunderbar durchgeknallte Dinge getan, aber wir neigen dazu, das zu vergessen.

Welchen Reiz übt die Dickens-Epoche, das viktorianische Zeitalter, auf Sie aus? Die Eddie Dickens-Geschichten spielen ja in dieser weit entfernten Zeit.

Ardagh: Weit entfernt, das sagen Sie! So alt bin ich ja noch nicht, um die 60. Ich habe eine Schule besucht, die von einer finsteren Mauer umgeben war, die Klassenräume waren uralt, in ihnen herrschte völliges Durcheinander, der Fußboden war ganz schräg gelegt, so dass man problemlos von einem Raum in den nächsten rollen konnte. Also, es kommt mir durchaus so vor, als hätte ich selbst noch in der viktorianischen Zeit gelebt. Und um ehrlich zu sein: Es ist auch eine herrlich lustige Epoche! In den Eddie Dickens-Büchern kommen die Hochmoore vor und die entflohenen Sträflinge, all diese wunderbaren Elemente.

Aber warum Dickens? Warum nicht z.B. sein Konkurrent William Thackeray? Sie benennen niemanden nach Thackeray, nur die Gans der Nachbarn ist die Thackery-Gans.

Ardagh: Ja, und die wird auch noch anders geschrieben. Dickens ist einfach ein wunderbarer Schriftsteller. Der einzige Autor aus dieser Zeit, der noch ansatzweise mit ihm verglichen werden könnte, ist Wilkie Collins, von dem man vielleicht noch den Roman "Die Frau in Weiß" kennt. Ich habe mal gesagt: "Wenn Collins so viel geschrieben hätte wie Dickens, wäre er wahrscheinlich auch genauso berühmt geworden." Woraufhin mir ein Gelehrter antwortete: "Er hat mehr geschrieben als Dickens."

Was hatte Dickens für eine großartige Phantasie - und wie hat er sie kombiniert mit seinem Einsatz für die Armen, für gesellschaftliche Verbesserungen! Und gleichzeitig: zutiefst spannende, auch unglaublich lustige Geschichten auf einer richtig breiten Leinwand. Ich meine, ich bin ein riesiger Sherlock Holmes-Fan. Aber bei ihm ist die Leinwand viel schmaler, während Dickens wirklich alles abbildet, und das mit einer brillanten Leichtigkeit.

Haben Sie ein Lieblingsbuch von Charles Dickens?

Ardagh: Es ist so schwer, sich zu entscheiden. Er selbst hat ja oft seine Meinung geändert. Mal hat er gesagt, die "Weihnachtsgeschichte" mit Scrooge sei sein bestes Werk, und eine Woche später war's wieder etwas ganz anderes. Ich finde, "David Copperfield" ist phantastisch.

Ach, es ist unfair, eine Wahl zu treffen - wie wenn man gefragt wird, ob man ein Lieblingskind hat. Was mich betrifft: Ich liebe natürlich meine Tochter, aber ziehe ihr meinen Sohn deutlich vor. Die meisten Leute sind nicht so ehrlich. Ich kann so ehrlich sein, weil ich keine Tochter habe. Deshalb kann ich so daherreden.

Nun, immerhin hat Charles Dickens sich selbst als den "Unnachahmlichen" bezeichnet. Hatte er recht?

Schriftsteller Philip Ardagh liest aus "Eddie Dickens" © dpa/Picture Alliance Foto: M. C. Hurek
Philip Ardagh ist selbst im Viktorianischen Großbritannien aufgewachsen - und das, obwohl er erst 60 ist.

Ardagh: Ja, auf jeden Fall. Ein britischer Radiosender hat mich mal damit beauftragt, eine kleine Persiflage zu schreiben, nur ein paar Seiten lang. Und es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich schließlich zwei Stücke schrieb und sagte: "Entscheidet selbst!" Es war wunderbar, und ich wünschte, ich könnte das einen ganzen Roman lang durchhalten, dazu noch eine so gute Geschichte erfinden und sozial so kämpferisch sein wie Dickens. Man müsste wahrscheinlich monatelang in einem abgedunkelten Raum leben, ausgekleidet mit kühlenden Melonenschalen, die man sich auf die Stirn legen kann.

Er hat es so leicht aussehen lassen. Die schiere Anzahl an Wörtern, die er geschrieben hat, nicht nur in seinen Romanen und Erzählungen, auch in Magazinartikeln und Aufsätzen; und dann hat er die öffentliche Lesung erfunden, was den Leuten die Gelegenheit gab, hysterische Anfälle zu bekommen und zu kollabieren.

Also nein, er ist unnachahmlich. Aber es ist sehr schön, dass wir ihm wenigstens zunicken können, wenn wir die Feder ins Tintenfass tauchen.

Der 150. Todestag von Charles Dickens ist am 9. Juni. Und fünf Tage später ist der Todestag eines anderen großen Mannes, Ihres Übersetzers ins Deutsche, der Todestag von Harry Rowohlt. Vor 20 Jahren hat er Ihr Buch „Schlimmes Ende“ übersetzt. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?

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Ardagh: Mir wurde damals erzählt, dass es da diesen Typen gebe, der den Penner Harry in einer sehr erfolgreichen deutschen Seifenoper spiele, und dass er "Pu der Bär" und "Der Wind in den Weiden" ins Deutsche übersetzt habe. Ich wusste nichts weiter über Harry, aber dachte: Das ist ja interessant, dass jemand, der den gleichen Bart hat wie ich - wenn nicht einen beeindruckenderen - eine derart vielfältige Karriere verfolgt.  Wir haben uns dann per Brief ausgetauscht; er schrieb mir sehr lange Briefe auf sehr dünnem Papier. Es war faszinierend zu sehen, wie er den Eddie Dickens-Kosmos so ganz und gar in sich aufgenommen hat. Er hat mich immer wieder auf neue Ideen gebracht, es war hinreißend.

Dann war ich für Lesungen einige Male in Deutschland und habe ihn getroffen. Es war vom ersten Moment an ein riesiger Spaß. Bis tief in die Nacht hinein tranken wir Milchshakes, quatschten und lachten, es war wunderbar. Und er war auch so überaus großzügig mit Komplimenten. Natürlich kannte er die Bücher in- und auswendig, und er hat so liebenswürdig über sie gesprochen. Ich habe meine Bücher bei ihm in vollkommen sicheren Händen gewusst, ich war selig. Er hat aus ihnen ja auch so phantastische Hörbücher gemacht. Er war überlebensgroß, wirklich.

Das heißt, er hat Sie spüren lassen, wie sehr er Ihre Art zu schreiben bewunderte? Denn er selbst hat ja nicht gerade unter Selbstzweifeln gelitten, er wusste, dass er ein phantastischer Übersetzer und ein großer Stilist war.

Ardagh: Tatsächlich hat er gesagt, dass er trotz dieser englischen Klassiker, die er übersetzt hatte, mit Eddie Dickens so ziemlich den größten Spaß gehabt habe. Was für ein Kompliment!

Es scheint die eine oder andere Ähnlichkeit zwischen Harry Rowohlt und Philip Ardagh zu geben - zum Beispiel die Neigung zur rhetorischen Abschweifung.

Ardagh: Oh ja, ganz und gar! Deswegen war das eine so schöne Ehe zwischen Autor und Übersetzer. Ich liebe es abzuschweifen und die Geschichte in dem Moment, in dem der Leser vergessen hat, auf welchem Umweg wir denn jetzt um Himmels willen hierhin gekommen sind, wieder zum Ausgangspunkt zurückzuführen. Und einfach so Dinge zu schreiben wie: "Wir verfolgen diese Geschichte, lieber Leser, aus Eddies Blickwinkel. Man müsste schon ein ziemlich amateurhafter Autor sein, wenn man diesen Blickwinkel verlassen und etwa 'Unterdessen…' schreiben und damit die Perspektive wechseln würde! Unterdessen…" Also, solche kleinen Wortspielereien. Harry liebte das. Diese Leidenschaft haben wir geteilt. Philosophie und Quatsch kann man auf jede erdenkliche Weise miteinander vermengen. Man muss nur die ausgetretenen Pfade verlassen.

Harry Rowohlt hat einst gesagt, Ihre Bücher - speziell die "Eddie Dickens-Trologie" - seien "natürlich unübersetzbar". Auch ich frage mich gerade, wie ich Sie bloß übersetzen soll - wir werden sehen. Aber Harry Rowohlt sagte auch: "Hier fängt ja der Spaß an!" Und mit Freude hat er sich als "der Un-Übersetzer" bezeichnet. War Ihnen das bewusst, dass Sie unübersetzbar schreiben?

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Ardagh: Die große Freude an dieser Reihe bestand ja darin, dass ich zumindest den ersten Teil ursprünglich gar nicht als Buch geschrieben habe. Tatsächlich habe ich ihn in regelmäßigen Folgen in Brief-Form an meinen Neffen Ben geschrieben, der im Internat lebte und den ich damit etwas aufheitern wollte. Ich hatte also die völlige Freiheit, einfach der verrückte Onkel zu sein.

Das heißt: 20 Jahre danach stehe ich völlig verdutzt vor der Tatsache, dass dieser Text in 37 Sprachen übersetzt worden ist. Wahrscheinlich gibt es auch einige nicht allzu wunderbare Übersetzungen. Aber was hat Harry getan? Er hat das Wesen des Buchs erkannt, hat gedacht: "Keinesfalls kann man das so auf Deutsch sagen", und dann hat er gesagt: "Hier ist das, was ich daraus gemacht habe." Phantastisch. Großartig. Er hat den Grundton des Textes ganz und gar verinnerlicht. Zweifellos sind die deutschen Übersetzungen von "Eddie Dickens" die besten.

Und noch einmal: Es war einfach die schiere Freude mit ihm. Wenn man einen Übersetzer findet, der die eigenen Bücher versteht - und der einen beeindruckenden Bart hat - und mit dem man gemeinsam Dickens zunicken kann: Was will man mehr?

Das Gespräch führte Alexander Solloch.

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NDR Kultur | BücherLeben | 06.06.2020 | 18:00 Uhr

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