Stand: 30.08.2018 17:33 Uhr

Mendelssohn: Zurück zu den Wurzeln

In Time
von Anima Eterna Brugge / Jakob Lehmann / Chouchane Siranossian 
Vorgestellt von Chantal Nastasi
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Mit ihren Interpretationen bereichern Chouchane Siranossian und Jakob Lehmann das Ensemble Anima Eterna.

Jos van Immerseel und sein Ensemble Anima Eterna stehen für Originalklang und lebendiges Musizieren. Seit seiner Gründung 1987 variiert die Besetzung und die Größe des Ensembles: Je nach Repertoire spielen mal acht, mal auch 80 mit. Diese projektbezogene Arbeit bringt immer wieder neue Impulse von außen, die das Ensemble bereichern. Davon zeugt auch die aktuelle Einspielung des Ensembles mit Musik von Mendelssohn, die diesmal ganz ohne seinen Leiter auskommt. "In Time" heißt sie und darauf stehen diesmal junge Künstler wie Chouchane Siranossian und Jakob Lehmann im Fokus, Geiger, die die Leitung des Ensembles übernehmen und auch zusammen Kammermusik spielen.

Es klingt beinahe wie Herzklopfen und freudige Aufregung, dieser Anfang des Violinkonzerts, an den wir uns heute längst gewöhnt haben. Aber damals, bei der Entstehung 1844, war es neu - eine kaum vorhandene Orchesterexposition, also: kein "roter Teppich" für die Sologeige, die stattdessen sofort im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Mendelssohns Klangideal

Eng mit dem Violinkonzert verknüpft ist der Name Joseph Joachim. Er hat das Werk als Solist wiederholt aufgeführt, häufig auch mit Mendelssohn selbst am Pult. Komponiert hatte Mendelssohn es allerdings für seinen Jugendfreund Ferdinand David, der auch die Uraufführung spielte.

Die Fingersätze dieser beiden Geiger, die so eng mit Mendelssohn gearbeitet haben, ihre Bogenstriche und andere Vortragshinweise hat Chouchane Siranossian intensiv studiert, nicht nur für eine historisch informierte Interpretation, sondern um Mendelssohns Klangideal möglichst nahe zu kommen. Geradlinig und ohne viele Rubati gestaltet sie den dritten Satz, so wie es auch Joseph Joachim protokolliert hat. Auch "alles übermäßige Vibrieren und süßliche Hinüberziehen von einem Ton zum anderen" soll Mendelssohn insbesondere für den langsamen Satz abgelehnt haben. Daran hält sich Chouchane Siranossian leider nur am Anfang dieses Satzes. Dennoch ist die Interpretation der jungen Geigerin in weiten Teilen schlank und schlicht im Ton.

Ihr zur Seite steht Jakob Lehmann, der das Konzert umsichtig und präzise dirigiert. Er ist selbst Geiger und musiziert häufig als Ensemblemitglied von Anima Eterna - wie im zweiten Stück der CD, dem Streichoktett von Mendelssohn, in dem er und Chouchane Siranossian die ersten beiden Geigenpulte übernehmen.

Natürliches Gestalten

Intensität, aber nie überbordendes Temperament spricht aus diesen Interpretationen. Bewusst hat sich das Ensemble, das wie sonst auch auf historischen Instrumenten spielt, sowohl beim Violinkonzert als auch beim Oktett für die Erstfassungen entschieden, die Mendelssohn wie so oft nachträglich überarbeitete. Zurück zu den Wurzeln war die Devise, was auch am transparenten Ensembleklang und dem uneitlen, sehr natürlichen Gestalten hörbar wird.

"Anima Next Generation" lautet die Überschrift, unter der Jos van Immerseel sein Wissen und seine Kompetenz zukünftig weiter getragen wissen möchte. Diese erste CD, bei der Immerseel erstmals nur als "guter Geist" und nicht aktiv beteiligt war, ist ein äußerst vielversprechender Auftakt. Ein Lob an Jakob Lehmann und Chouchane Siranossian, die das Anima Eterna bereichern.

In Time

Label:
alpha

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 03.09.2018 | 15:20 Uhr