Stand: 06.07.2018 17:04 Uhr

Joshua Bell spielt Max Bruch

Bruch: Scottish Fantasy
von Joshua Bell und Academy of St. Martin in the Fields
Vorgestellt von Franziska v. Busse
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Joshua Bell und die Academy of St. Martin in the Fields setzen bei ihrer Aufnahme ganz auf Schönklang, Gefühl und Nostalgie.

1991 ist eine Aufnahme erschienen mit der Academy of St. Martin in the Fields unter Leitung von Neville Marriner und einem 24-jährigen Geiger als Solisten: Der junge Amerikaner Joshua Bell spielte das erste Violinkonzert von Max Bruch und das E-moll-Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy. 2005 gab es eine Neuauflage, diesmal mit Bruch, Mendelssohn und Mozart. Mittlerweile leitet Joshua Bell selbst die Academy und hat ein drittes Mal zusammen mit dem Orchester das Bruch-Konzert aufgenommen - diesmal aber in einer anderen, sehr reizvollen Kombination: zusammen mit Bruchs "Schottischer Fantasie" für Violine und Orchester.

Natürlich ist er ein anderer geworden seit 1991. Aber ein großes Talent hatte Joshua Bell von Anfang an, das ihn für die Musik von Max Bruch zur Idealbesetzung macht: Er kann sein Instrument singen lassen, als käme die Stimme direkt aus seiner Seele. Sein Instrument: Das ist mittlerweile eine 300 Jahre alte Stradivari-Geige, aus der "Goldenen Ära" des berühmten Geigenbauers. Und golden schimmert auch ihr Ton: mal hell und glänzend poliert, dann wieder wie mit einer etwas dunkleren Patina überzogen.

Gerade dieser Klang passt genau zu der Atmosphäre, die Max Bruch in seiner Schottischen Fantasie aus dem Jahr 1880 heraufbeschwört. Die literarischen Werke Sir Walter Scotts hatten ihn dazu angeregt, allen voran eine Dichtung mit dem Titel "Die Dame vom See".

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Wildromantisches Schottland

Der Reiz der "Schottischen Fantasie" besteht in ihrem Kolorit: Max Bruch verwendet gleich mehrere bekannte schottische Volkslieder. Er beschreibt ein Schottland, das er nie gesehen hat, das er sich aber wildromantisch vorstellt: mit Kaminfeuern, die ihren Wiederschein an den hohen Decken alter Burgsäle tanzen lassen, während dort Musiker mit Dudelsack und Fiddel für Unterhaltung sorgen.

Joshua Bell und die Academy of St. Martin in the Fields träumen diesen Traum voller Begeisterung nach. Und dank dem legendären Schönklang des Orchesters zusammen mit der unbedingten Souveränität von Joshua Bell werden auch wir Zuhörer an keiner Stelle unsanft geweckt.

Hörenswert trotz Schwächen

Was in der Fantasie funktioniert, ist fürs Konzert nicht genug. Hier erzählt Bruch nicht einfach eine poetische Geschichte, sondern viel direkter: davon, wie sein eigenes künstlerisches Herz schlägt. Auch diese Intensität, diese innere Dramatik inspirieren Joshua Bell hörbar. Sein Ton lebt und atmet, seine spielerische Brillanz ist absolut entwaffnend. Aber der Grat zwischen berührend und rührselig ist schmal in der Musik von Max Bruch, und der Balanceakt gelingt nicht überall. Vielleicht, weil Bell selbst mitunter zu dick aufträgt, vielleicht auch, weil die Aufnahme das Orchester zu großzügig mit einer Art Filmmusik-Schmelz überzieht.

Ich finde, Joshua Bell und die Academy of St. Martin in the Fields haben es sich ein bisschen einfach gemacht mit dieser Interpretation, die ganz auf Schönklang, auf Gefühl und Nostalgie setzt. Trotzdem ist es eine sehr hörenswerte Aufnahme. Und wer weiß: Vielleicht kommt ja irgendwann auch noch Version Nummer vier.

Bruch: Scottish Fantasy

Label:
Sony Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 09.07.2018 | 15:20 Uhr