Stand: 21.09.2018 18:28 Uhr

Baiba Skrides sinnlicher Geigenton

American Concertos
von Baiba Skride
Vorgestellt von Marcus Stäbler

Baiba Skride stammt aus Lettland und lebt in der Nähe von Hamburg. Aber musikalisch ist sie in der ganzen Welt zu Hause. Das demonstriert die Geigerin auch mit ihrem aktuellen Album. Mit Orchestern aus Schweden und Finnland blickt Baiba Skride nach Amerika und spielt selten aufgeführte Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts, die in den USA entstanden sind.

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Baiba Skride spielt auf ihrer neuen CD Violinkonzerte von Korngold, Bernstein und Miklós.

Eine süße Melodie von spätromantischem Schmelz, haarscharf und stilisicher an der Grenze zum Kitsch vorbei komponiert. So beginnt Erich Wolfgang Korngold sein Violinkonzert aus dem Jahr 1945. Ein Stück, für das er Themen aus eigenen Filmmusiken ausgeborgt und kunstvoll neu arrangiert hat. Ein "Hollywood Concerto", spöttelte die Kritik. Aber Korngolds Konzert ist mehr als ein kompositorischer Blockbuster, das zeigt die Aufnahme ganz deutlich. Auch weil Baiba Skride den opulenten Solopart geschmackvoll spielt, mit einem sinnlich leuchtenden Geigenton, der sich klar konturiert vom Klang des Göteborger Sinfonieorchesters abhebt.

Fingerbrecherische Anforderungen

Wie sein österreichischer Kollege Erich Wolfgang Korngold, der während der 1930er-Jahre vor den Nazis fliehen musste, war auch der Ungar Miklós Rózsa aus Europa in die USA emigriert und hatte in der neuen Heimat eine Karriere als gefeierter Filmkomponist. Dieser Background hat auch in seinem Violinkonzert Spuren hinterlassen. Viele Momente in Rózsas Konzert wirken so lebendig und plastisch, als würden sie eine konkrete Handlung untermalen - wie eine Passage im ersten Satz, die eine Kampfszene darstellen könnte. Der Solopart ist mit wilden Sprüngen, Doppelgriffen und sonstiger Streicherakrobatik gespickt. Doch Skride meistert diese fingerbrecherischen Anforderungen souverän, auch in der virtuosen Kadenz im ersten Satz.

Über die Grenzen hinaus

Das Programm rahmt die Konzerte von Rózsa und Korngold mit zwei Werken von Leonard Bernstein. Zum Auftakt spielt Skride Bernsteins "Serenade" nach Platon, die mehrere Redner einer philosophischen Tafelrunde über die Liebe musikalisch zu Wort kommen lässt. Phaidros preist den Gott Eros, Aristophanes schwärmt vom Märchenhaften der Liebe, und der Arzt Eryximachos erzählt von der Liebe unter den Pflanzen und Tieren. Ein Thema, das Bernstein mit Jazzrhythmen und musikalischem Witz charakterisiert.

Das Göteborger Sinfonieorchester begleitet Skride unter Leitung von Santtu-Matias Rouvali lebendig und präzise. Auf der zweiten CD dirigiert der junge Finne das Tampere Orchester und lässt den Klangkörper auch ohne Solistin glänzen, bei den Sinfonischen Tänzen aus Bernsteins "West Side Story". Der Abschluss eines Doppel-Albums, das die Grenzen zwischen Klassik, Filmmusik und Jazz, zwischen E und U überschreitet. Ganz so, wie es für Komponisten im Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten selbstverständlich war und ist.

American Concertos

Label:
Orfeo

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 24.09.2018 | 15:20 Uhr