Stand: 04.04.2020 09:46 Uhr

"Irgendwann ist das Polster aufgebraucht"

von Janek Wiechers

Für viele Selbstständige und Freiberufler heißt es dieser Tage ganz konkret: Wovon soll ich in den kommenden Wochen oder sogar Monaten leben? Wie Miete und Lebensmittel, wie Versicherung und Benzin fürs Auto bezahlen, wenn doch das Einkommen wegbricht? NDR Kultur hat in Braunschweig eine Künstlerin und freischaffende Museumsfrau getroffen. Und wie viele andere Künstlerlinnen und Künstler hat sie in der Corona-Krise ihre ganz eigenen Nöte.

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Die Braunschweiger Künstlerin Anna-Maria Meyer

Anna-Maria Meyer ist bildende Künstlerin: Skulptur, Installation, Fotografie und Druckgrafik - das sind ihre Medien. Von ihrer Kunst allein kann die 32-Jährige nicht leben. Seit ihrem Abschluss an der Kunsthochschule in Kassel ist sie deshalb zusätzlich als Freiberuflerin für Kunstvereine, Museen und Sammlungen unterwegs. Sie arbeitet als Kunstvermittlerin, gibt Führungen, baut Ausstellungen auf, hilft in Sammlungen und Depots und unterstützt andere Künstler als Assistentin.

"Seit März sind die Aufträge komplett weggebrochen"

Ihr Geld verdient sie vor allem in diesen Jobs, sagt Anna-Maria Meyer. Die aber ist sie wegen der Corona-Pandemie inzwischen alle los: "Also, es ist tatsächlich so, dass eigentlich schon seit der ersten Märzwoche die Aufträge komplett weggebrochen sind. Sowohl für den März, als auch für den April. Und für den Mai wissen natürlich auch die Veranstalter, sprich die Museen, selber noch nicht weiter. Alle externen Beschäftigten sind natürlich auch erstmal auch auf Eis gelegt."

Für die junge Künstlerin ist das nun ein echtes Problem. Keine Aufträge bedeutet, es kommt kein Geld mehr aufs Konto. Da sie ohnehin sparsam haushaltet, sagt sie, hat sie zwar immer etwas Geld auf der hohen Kante - doch damit kommt sie vielleicht einige wenige Monate über die Runden. Irgendwann ist das Polster aufgebraucht. Und wann die Lage wieder besser wird, das ist derzeit noch gar nicht abzusehen.

Entmutigende Aussicht auf Unterstützung

"Wenn das Aufgebrauchte weg ist, dann ist es natürlich weg", beklagt sich Meyer und ergänzt: "Und wenn dann im Sommer ein Auftrag tatsächlich nicht reinkommt, oder im Herbst wieder sowas passiert wie eine Quarantäne, dann habe ich halt nichts mehr, worauf ich zurückgreifen kann. Ende Mai, Anfang Juni, spätestens dann muss auch Geld wieder reinkommen."

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Was also tun? Meyer hat sich sofort, nachdem klar war, dass es staatliche Hilfen geben wird, über die Internetseiten der N-Bank, die in Niedersachsen die Auszahlung von Hilfsgeldern organisiert, erkundigt. Doch das, was sie dort erfuhr, war für die Künstlerin wenig ermutigend: "Eigentlich wurde ja gesagt, es sei bedingungslos. Trotzdem wird die Bedingung gestellt, dass erstmal das flüssige Kapital, was man gerade noch hat - sprich die Rücklagen - aufgebraucht wird. Und das hilft uns ja jetzt auch nur bedingt weiter."

Erstmal von Ersparnissen leben

Meyer ist es derzeit einfach zu kompliziert, einen Antrag auf Unterstützung zu stellen. Sie will jetzt erst einmal schauen, wie es vielleicht auch so geht. Von ihrem Ersparten muss sie so oder so erst einmal leben, sagt sie. Und sollte sie irgendwann doch noch versuchen, finanzielle Hilfen zu beantragen, recnet die 32-Jährige aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen nicht damit, dass sie dann schnell an ihr Geld kommt.

"Bis da überhaupt ein Antrag bearbeitet wird, davon gehe ich mal aus, muss man sowieso extreme Zeit überbrücken. Man hat da quasi eine Wartelistennummer und die geht bis in die Zehntausende hinein. Natürlich stellen jetzt alle so einen Antrag. Wer weiß, ob da überhaupt was bei rumkommt", sagt die Künstlerin resigniert.

Gedanken ans Grundeinkommen

Und den Staat nach Geld zu fragen, findet sie ganz persönlich unangenehm. Ganz schlimm ist es für sie, sich vorzustellen Hartz IV zu beantragen, falls es hart auf hart kommt, sagt sie. Statt komplizierter Unterstützungssysteme für Freiberufler plädiert Meyer für einen anderen Weg. Nicht zuletzt durch die Erfahrungen in der Corona-Krise: Sie wünscht sich, dass jetzt in Deutschland ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird.

"Der Grundgedanke, der mir tatsächlich die letzten Wochen gekommen ist, wäre: Es müsste tatsächlich so sein, dass man die Versicherung davon decken könnte und nur kleine Ausgaben, wie die Miete - und dann wäre es so, dass man sich für den Rest einfach auch lang machen müsste, also dass man auch wirklich arbeiten geht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.04.2020 | 07:15 Uhr