Stand: 12.03.2018 16:00 Uhr

Ein radikal "evangelischer" Papst

Seit fünf Jahren ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio als Papst Franziskus im Amt. Er gilt als Reformer, der sich den Armen und dem Frieden verpflichtet fühlt.

Von Florian Breitmeier

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Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft bei NDR Kultur.

Franziskus ist ein Papst im Stile eines Pfarrers. Das Amt und der Apostolische Palast haben den Argentinier nicht verändert. Jorge Mario Bergoglio will bei den Menschen sein. Er ist davon überzeugt, in konkreten Begegnungen das wahre Leben zu treffen - mit all seinen Höhen und Tiefen, dem Guten und dem Bösen. Und wo all das anzutreffen ist, da muss ein Papst Pfarrer sein. Was zählt, ist das konkrete Gegenüber, der Mensch, die Situation.

Franziskus wäscht Gefangenen die Füße, nimmt muslimische Geflüchtete im Vatikan auf, er befragt das Kirchenvolk zu Fragen der Sexualmoral, fordert mehr gemeinsame Beratungen in der Kirche und macht die Gewissensentscheidung des Einzelnen stark. Dadurch ändert er die Kirchenlehre. Er setzt theologisch nicht auf eine Sturzflut, die alles fortreißt. Sein Prinzip lautet: Steter Tropfen höhlt den Stein. So verändert man eine 2.000 Jahre alte Institution, ohne dass organisatorisch alle Dämme brechen. Franziskus steht für einen schleichenden, aber zugleich radikalen theologischen Wandel: weg vom Gesetz hin zum Gesicht, wie das der Pastoraltheologe Paul Zulehner einmal schön ausgedrückt hat.

Veränderung der Kirchenlehre zu den Menschen hin

Der Papst ist populär. So sehr, dass die Zustimmungswerte zur katholischen Kirche seit seinem Amtsantritt insgesamt gestiegen sind. Manchmal offenbart dieser Papst aber durchaus auch populistische Züge. Er vereinfacht, spitzt zu, spricht frei aus, was er denkt. Er weist auch Mitarbeiter an der Kurie zurecht, versetzt oder entlässt, wer querschießt oder nicht liefert. Seine Geduld ist nicht grenzenlos. Sein Führungsstil ist zuweilen autoritär.

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Dabei pflegt der populäre Franziskus eine Grundskepsis gegenüber machtvollen Institutionen, besonders gegenüber der eigenen Kurie. Nach wie vor fremdelt er mit dem Apparat. Es läuft nicht alles rund in Rom. Die Kurienreform kommt nur schwerfällig voran, bei den Vatikan-Finanzen herrscht noch immer nicht die versprochene Transparenz. Papst und Apparat bilden immer noch zu selten eine produktive Einheit. Dennoch gibt es Fortschritte, die sich auch am Grad des Widerstandes ablesen lassen, mit dem Franziskus zu kämpfen hat. Lange hatte man den Eindruck, der Kurie sei es egal, an welchem Papst vorbei sie ihre Interessenpolitik betreibt. Das ist nun vorbei. Mit Nachdruck hat der Papst den Vatikan zurückgeführt auf die politische Weltbühne.

Ein Papst, der Prozesse in Gang setzt

Unter Benedikt XVI. lag die Vatikan-Diplomatie praktisch darnieder. Als Papst will Franziskus auch ein Provokateur sein. Einer, der die Gläubigen herausruft aus ihrer Bequemlichkeit. Sie sollen ihre Häuser und die vertrauten Kirchhöfe verlassen und rausgehen zu den Menschen.

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Papst Franziskus bittet am 16 Januar 2018 in Santiago de Chile wegen des Kindermissbrauchs von Seiten eines chilenischen Priesters um Verzeihung.

Franziskus ist kein feinsinniger Stratege und auch kein Manager, der mit Macht einfach etwas macht. Er wirkt mehr wie ein Prophet, der verbal und real Prozesse in Gang setzt, die Systeme und Menschen im tiefsten Inneren berühren und verändern können. Seine prophetische Kraft wurzelt tief in der religiösen Überzeugung, dass das Kirchenvolk nicht nur Adressat frommer Botschaften ist. Der Glaubenssinn des Volkes soll Theologie, Kirche und Gesellschaft aktiv prägen. Die Kraftquelle ist für ihn das Evangelium. Kein Zweifel: Franziskus ist ein radikal "evangelischer" Papst.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.03.2018 | 06:40 Uhr