Stand: 18.09.2020 14:20 Uhr

Erlebt die E-Gitarre ein Revival?

von Mischa Kreiskott

Mit Jimi Hendrix ist heute vor 50 Jahren die Legende der elektrischen Gitarre gestorben. Man könnte sogar sagen, dass er sie als führendes Instrument in der Rockmusik erfunden hat. Die verzerrten überdrehten Sounds, ihre Rolle als Leadinstrument, als Quelle immer neuer verrückter Klänge - bei all diesen Innovationen spielte Jimi Hendrix eine wichtige Rolle. In den Zehner-Jahren aber ist es still geworden um die elektrische Gitarre. Laptop- und Samplesoftware haben sie in Teenagerzimmern ersetzt. Der Rock hat ein Nischendasein geführt, an die Seite gedrängt von Elektro, Dance und vor allem Hip Hop. Der legendäre Hersteller Gibson musste 2018 Insolvenz anmelden und sogar der große Eric Clapton hat 2017 in einem Interview festgestellt: "Maybe the Guitar is over". Stimmt das?

Jimi Hendrix © Peter Thomasen Foto: Peter Thomasen
Linkshänderinstrumente waren in den 1960er-Jahren noch Mangelware. Jimi Hendrix drehte seine Rechtshänder-Stratocaster einfach um.

Zum Glück haben 75 Jahre Rock'n'Roll- und Pop-Geschichte uns eines gezeigt: Nichts ist endgültig, Entwicklungen geschehen in Wellen. Und so war es ausgerechnet ein "Frühjahr im Coronarückzug", das der siechenden Rockgitarrenindustrie in den USA wieder auf die Beine geholfen hat. "Wir brechen Rekorde", sagte Andy Mooney erst gerade der New York Times. Er ist der Chef von Fender, dem Hersteller großer Modelle wie Tele- oder Stratocaster. Ähnliches hört man von Gibson, der legendären Firma mit der Les Paul, die 2018 Insovelnz anmelden musste. Ein halbes Jahr "Zuhause" und auf Abstand hat tausenden Menschen die Freundin mit den sechs Saiten wieder näher gebracht.

Die Gitarre ist eine hervorragende Partnerin für lange Abende zu Hause. Sich endlich einmal auf seine Motorik und eigene Kreativität zu konzentrieren, wirkt besser als manche Therapie. Und nicht nur die Gitarrenverkäufe zogen deutlich an, auch der Online-Training-Markt wächst stetig. Tausende Instruktionsvideos bieten Gitarrenunterricht als Videostream vom ersten Akkordeschrammeln bis zur elaborierten Rockgitarre.

E-Gitarre: Immer noch Männerdomäne?

Bärtiger Mann spielt E-Gitarre im Scheinwerferlicht © imago images / Panthermedia
"Mann spielt E-Gitarre" - Bilder wie diese dominieren auch das Thema in Bildarchiven.

Musikalisch ist der neuerliche Umschwung schon länger spürbar. Auf den Showcase-Festivals wie Eurosonic in Groningen oder dem Hamburger Reeperbahnfestival hört man die Gitarre in den letzten Jahren schon wieder häufiger. Mal filigran und jazzy oder natürlich im amtlichen Rocksound: Ilgen-Nur, Indierockgitarristin und Frontfrau aus Hamburg hat schon 2019 diverse wichtige Preise abgeräumt. Ihr ist es auch gelungen, der E-Gitarre etwas von ihrem zementierten Macho-Image abzunehmen: "Wenn man mit 14 Jahren in einen Musikladen reingeht und sich eine E-Gitarre kaufen kaufen möchte, sieht man erstmal nur Plakate von Männern, die Gitarre spielen. Und wenn man sich einfach nie wirklich in diesen Kontexten sieht, ist es total schwierig, da herauszubrechen."

Nicht nur bei Ilgen-Nur in Deutschland, die E-Gitarre ist weltweit diverser geworden. Jensen Trani, einer der erfolgreichsten Online-Instruktoren für Gitarre ist Transmann. Oder Jakie Venson aus Austin, Texas ist eine von inzwischen zahlreichen erstklassigen Bluesrockerinnen.

Zyklische Wiederkehr vergangener Sounds


Vor 20 Jahren zur Jahrtausendwende haben brettige Garagenrockbands, nach dem Vorbild der 60er-Jahre, die Musik der Nuller-Jahre geprägt. Nun ist es erneut der Blick zurück, der die jungen Musiker inspiriert. Aktuell ganz groß: die 70er-Jahre. Der alte Krautrock wird wieder zum Popphänomen:

L’Eclair heißt die Formation aus Genf, die beim Reeperbahnfestival für den begehrten Anchor-Newcomeraward nominiert war. Die jungen Franko-Schweizer sind nur eine von vielen aktuellen Formationen, die die Musik von deutschen 70er-Jahre-Kultbands feiern - Bands wie Neu!, Ashraf Temple, Harmonia oder Kluster. Ganz wichtig dabei: Die pure Lust am virtuosen Gruppen-Improvisieren. L’Eclair-Tracks dauern gerne mal 15 Minuten. Der entsprechende Fachbegriff hierfür lautet "Shredding":

"we shred, yes we do shredding, its just jamming with a lot of fun" L'eclair

Die Band L'Eclair steht in einem Waschsalon vor Maschinen. © Reeperbahnfestival Foto: Lara Demonsais
Die Corona-Pandemie machte dem Auftritt der Schweizer Band L'eclair auf dem Reeperbahn Festival 2020 einen Strich durch die Rechnung.

Denn was zählt in einer durchweg digitalisierten Musikwelt, in der schon oft bewiesen wurde, dass mit dem Sampler im Jugendzimmer eigentlich alles möglich ist? Für die neue Generation ist perfekte Instrumentenkunst derzeit ein Distinktionsmerkmal. Der Londoner Tom Misch bezauberte oder "shredded" in den letzten Jahren mit endlosen Blues-Jazz-Soli selbst die großen Festivalbühnen.

Und überhaupt der Jazz: Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass er noch einmal ein Phänomen der Jugendkultur werden könnte? In London, Berlin, New York und Los Angeles wird zu jungem Jazz getanzt. Die Gitarre spielt nicht immer, aber häufig mit. So zum Beispiel beim jungen Londoner Gitarristen Oscar Jerome, dessen Hip-Hop-orientierter Sound von ultragrooviger Gitarrenmusik geprägt ist.
Ein weiteres Beispiel ist der Brite Bruno Major, der, gerade runter vom Conservatorium, einen ganz neuen Blick auf das American Songbook geworfen hat. Mit intimen Jazzsongs und schillernden Harmoniewechseln ist er - man mag es kaum glauben - besonders in Asien ein Star.

Zu sehen ist die elektrische Gitarre (Fender Stratocaster), die Jimi Hendrix als erste 1967 im London Astoria auf der Bühne verbrannt hat. © dpa - Report Foto: PA Clive Gee 6167361

AUDIO: Erlebt die E-Gitarre ein Revival? (4 Min)

Weitere Informationen
Das Cover von "Jimi - die Hendrix-Biographie" von Philip Norman © Piper

Hendrix-Biographie: Detailversessenes Sittengemälde der Popkultur

Vor genau 50 Jahren starb Jimi Hendrix. Er galt als einer der virtuosesten E-Gitarristen, Songschreiber und Stilentwickler. "Jimi" ist eine beeindruckende Biographie von Philip Norman. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.09.2020 | 14:20 Uhr

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