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Kent Nagano und Olivier Messiaens Oper über Franz von Assisi

Dienstag, 12. Mai 2020, 21:00 bis 22:00 Uhr

Der Dirigent Kent Nagano im Porträt. © dpa Foto: Daniel Reinhardt
Am 16. Mai hätte Kent Naganos Projekt "Saint Francois d'Assise" in der Hamburger Elbphilharmonie Premiere gehabt.

Der Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg Kent Nagano wäre jetzt mitten in den Proben zu Olivier Messiaens Oper über den Heiligen Franz von Assisi. Sie sollte beim Internationalen Musikfest Hamburg 2020 aufgeführt werden. Aus gutem Grund, denn das Thema ist "Glauben".

Olivier Messiaens Oper "Saint Francois d'Assise"

Doch es ging Olivier Messiaen in "Saint Francois d'Assise" nicht um einen kirchlich verorteten Glauben, erklärt Kent Nagano. "Für Messiaen hat es keine Bedeutung, ob man seine Musik aus einer christlichen Perspektive oder einer ganz anderen Perspektive hört. Für ihn muss das Werk ganz für sich stehen können, und das Publikum muss ein Erlebnis haben."

Kent Nagano hätte die Oper gern in der Elbphilharmonie aufgeführt - nun entfallen wegen der Corona-Pandemie alle Vorstellungen.

Ein Meisterwerk mit hunderten Mitwirkenden

"Die Oper ist ein Meisterwerk", sagt er. Bei der Uraufführung des Werkes, das Rolf Liebermann für die Pariser Oper in Auftrag gegeben hatte, im Jahr 1983, war Kent Nagano Anfang 30 und Assistent von Seiji Ozawa. Es war eine spannende Herausforderung, die 70 Notensysteme, in denen Messiaen seine Oper aufgeschriebene hatte, zu entziffern. Das Werk ist mit 119 Musikern, 150 Chorsängerinnen und -sängern in zehn Gruppen, sieben Gesangssolistinnen und -solisten und drei Ondes Martenot aufzuführen.

Kent Naganos Begegnung mit Olivier Messiaen

Aber mehr noch als die technischen Probleme bei einem Werk dieser Größe hat die Begegnung mit dem Komponisten Olivier Messiaen, mit dem er damals über mehrere Monate zusammen gearbeitet hat, das Leben von Kent Nagano als Dirigent verändert. Nagano war in Kalifornien geboren und aufgewachsen. Durch die Zeit bei Olivier Messiaen in Paris nahm seine Karriere Kurs auf die erste Liga der Dirigenten. Die entscheidende Erkenntnis: "Es war nicht mehr möglich, Messiaens Musik nur aus den Augen einer amerikanischen Perspektive zu betrachten. Das war nicht genug: Ich musste Französisch lernen, nicht nur gut, sondern wirklich fließend sprechen. Ich musste die französische Musikgeschichte wirklich tief kennenlernen und die französische Literatur und auch noch mal die Bibel anschauen. All diese Perspektiven sind notwendig für einen Musiker. Man kann aus einer Region kommen, wie den USA, aber für Musik wie die von Messiaen und das große Repertoire muss man bereit sein, viel tiefer zu gehen und Grenzen einfach kaputt zu machen. In diesem Sinne war das wie eine Tür, die plötzlich geöffnet war."

Sorge über die aktuelle Situation

Im Gespräch mit Margarete Zander erzählt Nagano, dass er besorgt ist über die aktuelle Situation und die Tatsache, dass niemand weiß, wie es weitergeht. Und er ist froh, dass er in dieser schwierigen Zeit mit seiner Familie gemeinsam zu Hause in Paris sein kann.

Musik von Bach gibt Hoffnung

"Erwarten Sie Wunder!" Das ist eine seiner Aufforderungen an die Musikhörer, die 2014 zum Titel eines Buches mit Gesprächen über den Reichtum der Klassischen Musik geworden ist. Auf die Frage, welche Musik er in dieser von der Corona-Pandemie bestimmten Zeit empfiehlt, erzählt Nagano von einem neuen Ritual in seiner Familie. Zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Mari Kodama, und seiner Tochter, der Pianistin Karin Kei Nagano, spielt er regelmäßig die kleineren Stücke von Johann Sebastian Bach: Präludien, Fugen, Inventionen. Egal, ob man sie auf CD hört oder am Klavier spielt: "Sie bringen immer neue Perspektiven und neue Hoffnung".

Eine Sendung von Margarete Zander

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Tasten eines Konzertflügels © NDR

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