Das Gespräch

Der Journalist Philippe Lançon im Gespräch

Samstag, 21. September 2019, 18:00 bis 19:00 Uhr

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NDR Kultur - "Das Gespräch"

Deutscher Radiopreis

Die Jury hat Alexander Solloch für sein unaufdringliches Interview mit dem französischen Journalisten Philippe Lançon nominiert, der den "Charlie Hebdo"-Anschlag überlebt hat.

Der 7. Januar 2015 ist einer der traumatischen Tage der jüngeren französischen Geschichte: Mitten in Paris drangen zwei Terroristen in die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" ein und ermordeten binnen weniger Minuten elf Menschen. Philippe Lançon überlebte das Attentat mit zerschossenem Unterkiefer, eine lange Leidenszeit mit unzähligen Operationen beginnt.

Seine Wiederherstellung hat Lançon in einem Buch festgehalten: "Der Fetzen". Am Mittwoch wurde bekannt, dass Philippe Lançon den Hermann-Kesten-Preis des PEN Zentrums Deutschland bekommen wird. Lesen Sie hier ein Interview aus vom Mai 2019 über den Sinn des Weiterlebens und was es bedeutet, wenn man sterben soll und es doch nicht tut.

"Charlie Hebdo" also, diese anarchische, vulgäre, verrückte, lustige, humanistische, manchmal aggressive Wochenzeitung - was bedeutete sie Ihnen?

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Der Journalist Philippe Lançon überlebte das Attentat auf "Charlie Hebdo"

Philippe Lançon: Im Mittelpunkt stand immer: die Freiheit. Die Freiheit, zu schreiben und zu zeichnen, was man wollte - in der Form, in der man es tun wollte. Mit ein paar Einschränkungen: Diese Zeitung ist nicht rassistisch, nicht antisemitisch, sie ist doch insgesamt eher links. Das sind Selbstverständlichkeiten. Aber davon abgesehen kann man da wirklich tun, was man will. Das Ziel einer Satirezeitung wie "Charlie Hebdo" besteht ja darin, Grenzen zu überschreiten. Jeder hat Grenzen auf seine Weise überschritten. Insgesamt gehört die Zeitung vor allem den Zeichnern, sehr talentierten Zeichnern.

Was sie machen, fällt in den Bereich Karikatur, Satire. Bei mir ist das anders. Ich bin Schriftsteller, Journalist; und außerdem steckt in mir auch nicht diese Lust am Provozieren. Ich habe also auf andere Weise Grenzen überschritten, z.B. die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, und habe mir beim Schreiben sehr viel erlaubt. Und nach diesem 7. Januar habe ich es mir erlaubt zu erzählen, was ich gerade erlebte. Das hätte ich in keiner anderen Zeitung tun können als in "Charlie Hebdo". Das war "Charlie", und das bleibt "Charlie": ein Ort der Freiheit. Diese Zeitung passte eigentlich gar nicht zu mir. Ich bin nicht sehr grob, nicht sehr ungehobelt, kein Provokateur …

Deshalb sprechen Sie in Ihrem Buch davon, sowohl "Stolz" als auch "Fremdheit" bei "Charlie" zu empfinden …

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Lançon: Ja! Und das ist prima. Ich bin da an einem Ort, an dem viele Leute ganz anders sind als ich, anders denken, fühlen, arbeiten. Das ist so schön. Das ist eben das, was "Charlie" möglich gemacht hat und immer noch macht: sehr, sehr, sehr, sehr unterschiedliche Menschen zusammenzubringen; unterschiedlich im Denken, aber vor allem in der Art und Weise, wie sie sich jeweils eine Welt bauen. Freiheit und Differenz! Das waren immer die zwei Merkmale, die ich an "Charlie" so gemocht habe. Und dann natürlich die Tatsache, dass mich sehr viele Zeichnungen gefreut und zum Lachen gebracht haben. Da waren Zeichnungen dabei - und sind es immer noch -, die ich einfach großartig finde. Ich habe nie verstanden, warum diese Zeichnungen solche Skandale ausgelöst haben … also, gesellschaftlich hab‘ ich's schon verstanden, aber mich persönlich konnte keine dieser provokanten Zeichnungen schockieren. Das ist ja der Ort, an dem es sie geben muss.

Wenn man Ihr Buch liest, hat man manchmal das Gefühl, dass die Menschen, die für "Charlie" gearbeitet haben und die Sie "meine Freunde" nennen, dass Sie von diesen Menschen fasziniert waren, von ihrer Mischung aus Genialität und Naivität, dass sie Ihnen aber erst im Augenblick ihres Todes so richtig nahe gekommen.

Lançon: Ja, das ist ein grausames Paradox. Denn wenn ich einmal von Georges Wolinski absehe, dem ich zwar nicht sehr nahestand, dem ich mich aber freundschaftlich verbunden fühlte, den ich sehr mochte. Ich mochte sie alle, aber Georges vor allem - ich war ihnen aber nicht so nahe. Und nun gab es das Attentat. Eine kollektive wie auch intime Erfahrung, die dazu geführt hat, dass mich die Toten immer begleiten werden, bis ans Ende meiner Tage. Die Toten begleiten mich - und sie leben. Das bedeutet: Alle Erinnerungen, die ich an diese letzte Redaktionskonferenz habe - alles, was ich von ihnen gesehen habe, als sie gestorben sind - all das lebt ganz stark in mir und wird bis zum Schluss in mir leben. Ich werde nichts davon vergessen. Ich werde vielleicht irgendwelche Leute vergessen, die mir viel näher standen - aber sie: nein. Und nicht nur das: Sie leben in mir. Als Tote. Aber als Tote leben sie zugleich. So ist das. Ein Paradox. Das ist eines der wesentlichen Merkmale des Attentats: Dass der Tod so brutal und endgültig ins Leben einbricht.

Das Gespräch führte Alexander Solloch.