Stand: 08.08.2018 07:52 Uhr

"Von meinen Streaming-Erlösen kann ich dreimal Kaffee trinken"

Alle sprechen vom Musikstreaming als der Zukunft des Musikmarktes. Im Juli haben die Streamingerlöse auch in Deutschland die Tonträgerverkäufe überrundet. Doch was kommt am Ende bei den Musikerinnen und Musikern an? Ein Blick auf Nils Mönkemeyers Kontoauszüge.

Sie sind bei Sony Classical unter Vertrag, also einem der großen Labels im Musikmarkt. Welche Rolle spielt Streaming für Ihre Alben?

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In Asien machen Streamingdienste seine Konzerte voll: Bratscher Nils Mönkemeyer.

Nils Mönkemeyer: Mir fiel vor einigen Jahren in einer meiner Abrechnungen von Sony auf, dass ich eine halbe Million Aufrufe vom ersten Satz der Schubert-Arpeggionesonate auf einem koreanischen Streamingportal hatte. Ich dachte: "Wow! Wahnsinn! Das ist aber viel!" Solche Stückzahlen an CDs würde man nie verkaufen. Und dann schweifte mein Blick auf den Erlös, den ich dafür bekommen hatte, das waren 1,35 Euro. Also wenn ein Track einmal abgespielt wird, sind das so verschwindend geringe Summen, da müssten schon Millionen Klickzahlen zusammen kommen, damit ich davon etwas hätte. Von meinen Erlösen kann ich drei mal Kaffee trinken gehen.

Warum werden Ihre Alben dann auf allen Streamingportalen angeboten?

Mönkemeyer: Ich sage das jetzt mal so, wie meine Plattenfirma das ausdrücken würde: Die Zielgruppe bis ungefähr 40 hört Musik hauptsächlich über Streamingdienste. Die klassischen CD-Hörer benutzen diese Dienste nicht unbedingt. Deshalb stehe ich dem Thema zwiegespalten gegenüber, da wir einerseits viele Menschen mit Streaming erreichen. Und ich finde es grundsätzlich toll, dass Kultur für viele Menschen verfügbar ist. Ich glaube auch, dass dieses System der Playlists und die Algorithmen der Streamingdiense dafür sorgt, dass Menschen eingeführt werden in die Klassik und Musik kennenlernen, die sie sonst nie gehört hätten. Das Negative daran ist natürlich, dass die Werke im Hintergrund durchlaufen und man nicht mal den Interpreten kennt, geschweige denn den Komponisten. Ich denke aber, dass das Thema noch zu jung ist, um es abzuschätzen. Aber fest steht: Die Streamingzahlen sind viel höher, als es die Verkaufszahlen von CDs je waren.

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Wenn nun aber immer mehr Musik in Streamingportalen konsumiert wird, was bedeutet das dann?

Mönkemeyer: Natürlich könnte man sagen: "Alles ganz toll!" Aber das Streaming generiert eben nicht genug Umsätze, um ein Album zu produzieren. Das kostet sehr viel Geld. Meine Gesamtstreamingzahlen, die für Klassikalben eigentlich außergewöhnlich gut sind, hätten noch nicht mal eine CD-Produktion abgedeckt. Das ist die Krux an der Sache. Und in der gesamten digitalen Welt wurde der Einstieg in gewinnträchtige Bezahlmodelle verpasst und jetzt ist alles umsonst, das kann man nicht mehr ändern.

Das Gespräch führte Karin Erichsen

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 03.08.2018 | 18:30 Uhr