Stand: 03.06.2020 17:26 Uhr

VRHAM! - Virtual Reality in Hamburg diesmal anders

von Anina Pommerenke

Eigentlich hätte das VRHAM!-Festival ab Donnerstag rund 5.000 Besucherinnen und Besucher ins Oberhafenquartier in Hamburg gelockt. Das Besondere an dem Festival: Es ist das erste, das sich künstlerisch mit Virtual Reality auseinandersetzt. Corona-bedingt musste das Festival abgesagt werden. Kurzfristig mussten sich die Veranstalter ein komplett neues Konzept überlegen - und holen die Virtual Reality nun ins Netz. Wie das aussehen soll? NDR Kultur hat es sich angeschaut.

Ulrich Schrauth hat sich eine VR-Brille angezogen. Pressesprecherin Helen Peetzen schaut zu und staunt. © NDR/ Anina Pommerenke Foto: Anina Pommerenke
Ulrich Schrauth (rechts) und Pressesprecherin Helen Peetzen demonstrieren die VR-Brille.

In der historischen Gleishalle am Hamburger Oberhafen sind zwischen Bambussträuchern eine Bühne und Scheinwerfer aufgebaut. Auf Biergarten-Garnituren stehen Computer. Es ist schwül und es tropft von der Decke. Auf der mit einem Kunstrasen bezogenen Bühne steht Ulrich Schrauth, künstlerischer Leiter des Festivals. Er trägt eine schwarze VR-Brille und hält zwei schwarze Controller in der Hand, mit denen er sich durch die virtuelle Welt fortbewegen kann.

"Hier befinden wir uns im Museum of Other Realities, der virtuellen Veranstaltungsstätte des VRHAM Festivals 2020", erzählt Schrauth. "Und hier drüben gehen wir in die virtuelle Variante unserer Gleishalle, die wir nachgebaut haben."

"Haben ein ganzes Museum gebaut"

Auf einem Laptop kann man nachvollziehen, was Ulrich Schrauth in der virtuellen Welt gerade erlebt: Dort sieht es tatsächlich so aus wie in der Gleishalle mit den roten Backsteinwänden und grünen Stahlkonstruktionen an der Decke, in der er gerade steht. Durch eine Tür können Besucherinnen und Besucher die virtuelle Ausstellung besuchen, in der Werke von 18 internationalen Künstlerinnen und Künstlern warten.

"Wir versuchen, das gesamte Festival-Feeling in die virtuelle Welt zu integrieren", erklärt Schrauth und ergänzt: "Das hat noch niemand gemacht, das ist etwas ganz Neues. Die Idee ist eine Festival-Location im virtuellen Raum. Wir haben ein ganzes Museum gebaut, wo die Zuschauerinnen und Zuschauer hinkommen, die Kunst anschauen und sogar kommunizieren können."

Vorbild für Cannes und Tribeca

Ein Mann hat sich eine VR-Brille angezogen. Auf einem Bildschirm wird angezeigt, was dieser sieht. © NDR/ Anina Pommerenke Foto: Anina Pommerenke
Das rund 30-köpfige Team hat in zwei Monaten ein komplett neues Festival auf die Beine gestellt und probt bis zur letzten Sekunde die Abläufe.

Eine Idee, die durchaus international Beachtung zu finden scheint: "Die Filmfestivals in Cannes und Tribeca machen das jetzt - ein paar Wochen nach uns - genauso wie wir, auch mit den gleichen Plattformen. Die gucken sich also ganz viel ab", so Schraut.

Normalerweise setzen die Besucher vor Ort eine VR-Brille auf und erleben dann die Kunst. Es werden zum Beispiel Geschichten erzählt und Kunstwerke bauen sich in der virtuellen Welt um einen herum auf. Das Team des Festivals kann auch Berührungsängste nehmen und mit der Technik helfen. Das wird dieses Jahr nicht möglich sein. Interessierte haben aber die Möglichkeit, sich beim Festival eine VR-Brille auszuleihen. Außerdem wird es Veranstaltungen geben, die von der physischen Bühne ins Netz übertragen werden, beispielsweise eine Preisverleihung oder ein Konzert in Kooperation mit dem Schleswig-Holstein Musikfestival. Das Live-Programm verantwortet Dramaturgin Sabrina Schmidt, die aber auch die VR-Kunst unterstützend kuratiert hat.

"Wir haben dieses Jahr zum Beispiel Christian Lemmerz im Programm", sagt Schmidt. "Das ist jemand, der als bildender Künstler schon recht etabliert ist und seine eigene Ausdrucksweise in der VR-Kunst gefunden hat."

Ulrich Schrauth hat sich einer VR-Brille angezogen. © NDR/ Anina Pommerenke Foto: Anina Pommerenke

AUDIO: VRHAM! - Virtual Reality in Hamburg diesmal anders (4 Min)

Storytelling als Kunstform

Zu sehen ist sein Werk "La Apparizione" - zu Deutsch: die Erscheinung. Es zeigt den goldenen, gefolterten Körper Jesu, der in tiefer Dunkelheit schwebt. Goldenes Blut tropft aus seinem Körper. Eine nahezu vulgäre Mischung aus leidendem Erlöser und Bodybuilder.

Doch es gibt nicht nur virtuelle Kunstwerke zu entdecken, die sich um den Betrachter herum entfalten. Auch Storytelling ist eine Darstellungsform, die zum Beispiel der niederländische Künstler Jan Kounen nutzt: In dem Projekt "7 Lives" durchlebt der Besucher die traumatisierende Geschichte eines jungen Mädchens, das in Tokio vor die U-Bahn springt und in schmerzlichen Erinnerungen gefangen zu sein scheint.

Mischung aus Stress und Vorfreude

Dass die Besucher all das jetzt von zu Hause aus erleben werden, war für das gesamte Team um Festivalleiter Ulrich Schrauth zwar eine große Herausforderung, aber auch eine spannende Chance: "Es ist natürlich eine Mischung aus Stress und Vorfreude", so Schrauth. "Mit so einer neuen Technik weiß man nie, was passiert, und deswegen sind wir sehr gespannt, was alles passieren wird."

Das VRHAM!-Festival beginnt am 4. Juni und geht bis Sonntag. Die virtuelle Ausstellung können Sie aber bis zum 4. August besuchen - und sich dafür beim Festival eine VR-Brille ausleihen. Die Veranstaltungen werden auf dem YouTube-Kanal des Festivals übertragen, so auch das Abschlusskonzert in Kooperation mit dem SHMF. Das beginnt Sonntag um 20 Uhr.

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.06.2020 | 06:40 Uhr

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