Stand: 10.09.2019 15:54 Uhr

Die Zeuginnen: "Ein gelungener Agentinnen-Thriller"

Mit viel Enthusiasmus wurde in der Nacht zum Dienstag das neue Buch von Margaret Atwood in einer Londoner Buchhandlung begrüßt. Zuvor hatte die Autorin, die persönlich anwesend war, die Anfangspassage aus "Die Zeuginnen" vorgelesen. Das war eine Veranstaltung, die an die Harry-Potter-Nächte von einst erinnerte.

Ulrike Sárkány aus der Literaturredaktion, Sie haben den neuen Roman schon gelesen. War der Aufwand gerechtfertigt?

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Ulrike Sárkány ist seit 2014 Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion in Hannover.

Ulrike Sárkány: Eine Feier für das neue Buch einer weltberühmten kanadischen Schriftstellerin, die im November 80 wird und der man den Literaturnobelpreis gönnen würde, ist immer gerechtfertigt. Aber dass aus "Die Zeuginnen" - "The Testaments" im Original - zuerst so ein Riesengeheimnis und jetzt so ein Marketing-Event gemacht wurde, hat natürlich mit der extrem erfolgreichen 36-teiligen Fernseh-Serie "The Handmaid’s Tale" zu tun.

Den Roman, "Der Report der Magd" in der Übersetzung, hat Margaret Atwood im Jahr 1984 geschrieben, ein Zukunftsroman, in dem im amerikanischen Osten ein totalitärer Staat entstanden ist, der Frauen gnadenlos unterdrückt und sie zu Gebärmaschinen degradiert. Und dazu - vielleicht auch, weil ihr die Fortschreibung ihres Stoffs in der Fernseh-Serie doch nicht so gefiel - hat sie jetzt eine Fortsetzung geschrieben, die etwa 16 Jahre später spielt. In den USA protestieren Frauen in den Kostümen der Mägde - lange rote Kleider, weiße Hauben - gegen neue Abtreibungsgesetze und andere misogyne Entwicklungen.

Und hat der neue Roman "Die Zeuginnen" eine direkte politische Aussage?

Rezension

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Sárkány: Nein, er ist vor allem ein gelungener Agentinnen-Thriller. Er erzählt noch einmal von dem Unrechtsstaat Gilead, so wie Margaret Atwood ihn damals erfunden hat, und er wartet mit ein paar wirklich guten Überraschungen auf, aber dass da jetzt ein sagenhaft relevanter Kommentar zur gegenwärtigen Weltlage gemacht würde, kann man nicht behaupten. Die Autorin sagt über alle ihre dystopischen Romane, dass sie "spekulative Fiktion" sind, das heißt, was sie sich ausdenkt, könnte so passieren. Das heißt aber nur, dass sie keine krasse Fantasy schreibt.

Also, die Weltherrschaft wird nicht von einem Internet-Konzern übernommen?

Sárkány: Das Internet und alle anderen neueren technischen Errungenschaften spielen bei Margaret Atwood keine Rolle. Also, die Frauen konnten so auf einen Schlag entrechtet werden, weil man einfach alle ihre Kreditkarten gesperrt hat, aber danach dürfen sie nicht mal lesen und schreiben und werden in jeder Beziehung in biblische Vorzeiten zurückgestoßen. Die erste der drei Erzählerinnen im neuen Roman, die Aufseherin der Mägde, Tante Lydia, schreibt ihre geheimen Aufzeichnungen mit mühsam beschaffter Tinte. Und sie hat Überwachungskameras installiert. Das gibt ihr schon ein riesigen Machtvorteil.

Ist Tante Lydia nicht die ganz schlimme Handlangerin des Regimes aus dem "Report der Magd"?

Ein Mikrofon liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

Die Zeuginnen: "Ein gelungener Agentinnen-Thriller"

NDR Kultur

Mit viel Enthusiasmus wurde das neue Buch von Margaret Atwood erwartet. Hat es sich gelohnt? Ulrike Sárkány aus der Literaturredaktion hat den Roman gelesen.

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Sárkány: Ja, das ist die eine große Überraschung. Eigentlich hat man damit gerechnet, dass die Geschichte der Hauptfigur aus dem ersten Roman weitererzählt wird, und jetzt kommt plötzlich deren alte Peinigerin in der Ich-Perspektive. Und sie ist eben auch von den "Söhnen Jakobs" in die Rolle der "Tante" gezwungen worden und hintertreibt jetzt deren heuchlerisches und hochgradig verbrecherisches Regime.

Kommt die Magd von damals dann gar nicht mehr vor?

Sárkány: Die Konstruktion des Romans ist wirklich unheimlich clever, weil diese schriftlichen Zeugnisse erst 2197 von einem Historiker ausgewertet werden. Ich habe vorhin gesagt, dass der neue Roman etwa 16 Jahre später spielt, und das weiß man eigentlich erst, wenn sich herausstellt, dass die Zeugin, die in Kanada aufgewachsen ist, Desfreds Tochter ist, die rausgeschmuggelt werden konnte. Ihre ältere Tochter ist im Haushalt eines Kommandanten in Gilead aufgewachsen, und das ist dann die dritte Erzählerin. Jetzt habe ich schon ganz viel verraten, was beim Lesen so als Aha-Erlebnis kommt.

Das Gespräch führte Petra Rieß.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.09.2019 | 16:20 Uhr