Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Pandemie - Ein Kurs in Ungewissheitsakrobatik

Stand: 07.01.2021 15:23 Uhr

Pandemie, das heißt auch 2021: Wir sind auf einer ungebahnten Spur unterwegs - und niemand kann sagen, wohin und wie lange noch. Was bedeutet das? Ulrich Kühn denkt nach.

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von Ulrich Kühn

In Sprachbildern stecken Riesenkräfte. Ein treffendes Bild öffnet die Augen, ein verqueres führt in die Irre. Und Sprachbilder sagen viel über die Menschen und Zeiten, die Gebrauch von ihnen machen.

Die Pandemie streut tausend Bilder, blasse, schiefe, leuchtende. Zum Jahresende erschien uns das "Licht am Ende des Tunnels". Das war ein heikles Bild: Ja, ein Impfstoff war zugelassen, weitere würden folgen. Doch es gab auch Virus-Mutanten, in Großbritannien, Südafrika - die zweite mit der Option verbunden, vom Impfstoff nicht so beeindruckt zu sein. Ist jetzt der Tunnel verlängert? Wird das Licht ausgeknipst?

Ach, Mensch im Jahr 21: Da stehst du nun, du armer Tor, und bist so klug als wie zuvor!

Beliebt ist auch das Bild von der Lupe. Detailscharf vergrößert erscheine das Leben, plötzlich sähen wir genau, was krumm und untauglich ist, der Veränderung wert. Dieses einprägsame Bild - früh in der Pandemie gewählt von der klugen Felicitas Hoppe - hat sich, weil hilfreich, durchgesetzt. Kräftig, stimmig, klar, ohne gleich fixieren zu wollen, wohin die Reise geht. Es war ja doch irritierend gewesen - damals, in den ersten Wochen, vor ewigen Zeiten, im März und April -, dass so viele angeblich schon wussten, was diese blutjunge neue Erfahrung mit der Gesellschaft anstellt und was "nach Corona" kommt.

Ach, Mensch im Jahr 21: Da stehst du nun, du armer Tor, und bist so klug als wie zuvor! Die Versuchung war halt zu groß: Wer aus Gewohnheit und Renommee deutungsgroßmeisterlich auftritt, fühlte sich eingeladen, das noch Unerkannte im Licht der eigenen Großtheorie vorsorglich auszulegen und in die Zukunft zu verlängern. Danach ist alles anders, so die Diagnose der einen. Nichts wird anders sein, so die Gegen-Diagnose. Immer fein begründet, hoch bedenkenswert, allemal eindrucksvoll. Und ein bisschen voreilig auch.

Was macht denn die Corona-Lupe überdeutlich sichtbar? Wissens-Illusionen, verbunden mit Kontroll-Illusionen und Prognose-Illusionen. Zum Vorschein kommt, das ist nicht banal, jene Grundbedingung, unter der wir existieren, während wir alles daransetzen, sie vergessen zu machen: Ungewissheit.

Unter der Corona-Lupe: die wüste Lust am Unterstellen

Kämen wir gut damit zurecht, müssten wir uns nicht die Ohren vollbrüllen, dass wir zweifellos richtig liegen und die anderen zweifellos falsch. Lockdown noch totaler muss her! Lockdown hat gar nichts gebracht! Wer einzelne Maßnahmen unlogisch nennt, glaubt in Wahrheit an die Verschwörung! Wer sagt, dass Maßnahmen Leben retten, ist in Wahrheit ein dummes Schaf! Ich muss wohl nicht ausdrücklich sagen, welcher Seite ich zuneigen würde; aber dieses äußerst Zugespitzte, diese haltlose Aggression, die wüste Lust am Unterstellen - das war zwar lange schon da. Doch unter der Corona-Lupe grinst es uns nackt und monströs entgegen.

So ängstigt uns eine Ungewissheit, die nicht aufzulösen ist und nicht mehr zu verdecken. Unsere Wissens-Illusion hatte uns schon aggressiv gemacht. In der Pandemie, in der sie nach und nach zerstiebt, werden wir gelähmte Gespenster und rasende Stiere zugleich.

Vielleicht hilft Karl Popper. Der berühmte Philosoph sprach vor über 60 Jahren vor der Britischen Akademie. Es würde uns ganz guttun, meinte er sinngemäß, uns kurz daran zu erinnern: In unserem bisschen Wissen unterscheiden wir uns vielleicht - in unserer grenzenlosen Unwissenheit sind wir alle gleich.

Mit Popper durch die Lupe geschaut - wen sehen wir? Abermillionen tapsende Teilnehmer eines Kurses in Ungewissheitsakrobatik. Niemand hat den Kurs gebucht, es gibt keinen Guru, keine allwissende Meisterin. In diesem gemeinsamen Lebensgefühl dürften wir gern behutsamer werden und etwas nachsichtiger auch: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass niemand absolut im Recht ist oder über die Wahrheit verfügt. Nebenbei am wenigsten der, der seit Jahren am lautesten lügt und auf seine letzten Tage kriminell Revolte anzettelt. Aber zu Trump fällt mir nichts mehr ein. Schönes neues Jahr!

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 08.01.2021 | 10:20 Uhr

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