Stand: 28.06.2020 18:33 Uhr

Kirchenaustritte: Die Wahrheit der Verluste

von Florian Breitmeier

Die Austrittswelle aus den beiden großen christlichen Kirchen bleibt ungebrochen. Landauf, landab wurden die Standesämter und Amtsgerichte mit entsprechenden Anträgen geflutet. Die Kirchen sind gefordert, wenn sie in den nächsten Jahren noch Land sehen und nicht nur ihren statistischen Untergang verwalten wollen.

Für wen wollen die Kirchen da sein?

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Die Corona-Krise wirkt dabei als Katalysator eines dringend notwendigen Klärungsprozesses: Für wen wollen die Kirchen da sein und mit welchen Angeboten? Denn dass bei den Kirchen mit Blick auf eine heilsame und segensreiche Orientierung an den Bedürfnissen der Gläubigen noch viel Luft nach oben ist, das hat die Corona-Pandemie schonungslos offenbart. Allen positiven Initiativen und kreativen Ideen zum Trotz. Die Kirche könnte mit weniger Satzungen und Sitzungen, dafür mit mehr Seelsorge und Sinnangebote punkten. Massiv austreten werden die Menschen in den nächsten Jahren trotzdem, egal ob sie die Kirche für ihr privates Glück nicht mehr als systemrelevant erachten, von Missbrauchsskandalen angewidert, über Finanzskandale erschüttert oder von ausbleibenden Reformen enttäuscht sind.   

Corona: Ein zusätzlicher Stresstest

Die Corona-Krise ist ein zusätzlicher Stresstest für die Kirchen, auch weil durch die wirtschaftliche Talfahrt deutlich weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Lange Zeit wirkten ja dank der schnurrenden Konjunktur die sprudelnden Einnahmen aus der Kirchensteuer wie ein hochwirksames Schmerzmittel gegen den jährlichen Austritts-Blues. Das stellte sich aber als eine Art Selbstbetäubung heraus, die das Handeln vielerorts gelähmt hat. Unkritisch bejubeln sollte man diese Entwicklung gleichwohl nicht. Man mag großen Institutionen in Zeiten von großen Individualisierungsschüben skeptisch gegenüberstehen, andererseits können große Sinneinheiten wie die Kirchen auch Traditionen und eine Vielfalt bewahren, die sonst verloren zu gehen drohen. Und nicht jede und jeder ist stark genug, um für sich und seine Liebsten auskömmlich sorgen zu können. 

Kirchen müssen ihre Vergangenheit aufarbeiten

Die Kirchen werden hierzulande kleiner und sie werden weniger Geld für ihre Arbeit haben. Sicher, diese Gewissheit kann verängstigen und auch lähmen. Aber diese Gewissheit kann eben auch entfesseln. Die Wahrheit der Verluste und die Statistiken des Niedergangs können auch eine Befreiung sein. Die Kirchen werden sich ihre Strukturen, theologischen Schwerpunkte und Projekte anschauen müssen, Dinge bleiben lassen und andere verstärken. Und sie müssen ihre Vergangenheit aufarbeiten, um in der Zukunft bestehen zu können. Wer nach beherzter und kluger Analyse loslässt, an was er sich oft nur seiner selbst willen jahrelang geklammert hat, hat plötzlich die Hände frei, um andernorts tatkräftig zu zupacken, zum Wohl seiner Nächsten und zum Wohle der Bedrängten weltweit. Noch haben die Kirchen genügend Geld, um genau in diesem Sinne zu handeln.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.06.2020 | 19:00 Uhr

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