Stand: 17.09.2019 14:43 Uhr

Fall Relotius: "Aufrichtiger Versuch, abzuschließen"

Im Dezember letzten Jahres ging der "Spiegel" mit der Meldung an die Öffentlichkeit, einer seiner vielversprechendsten Reporter, Claas Relotius, habe über Jahre in großem Umfang Geschichten und Reportagen gefälscht. Dass dieser Skandal überhaupt an die Öffentlichkeit kam, ist "Spiegel"- Reporter Juan Moreno zu verdanken. Moreno hatte über Monate teils gegen heftige Widerstände im Haus die Lügen und Falschdarstellungen Relotius' aufgedeckt - und jetzt ein Buch darüber geschrieben: "Tausend Zeilen Lüge" erscheint am Mittwoch.

Juan Moreno, das Buch sei "keine Abrechnung", weder mit dem "Spiegel", noch mit seinen damaligen Chefs oder Claas Relotius. Wir wissen also, was es nicht sein soll. Aber was ist es denn?

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Juan Moreno schreibt vorwiegend für das Ressort Ausland.

Juan Moreno: Es ist der aufrichtige Versuch, diese Phase in meinem Leben, die tatsächlich sehr schwer war, abzuschließen. Claas Relotius hat weite Teile meiner Abendunterhaltungen in den letzten Monaten dominiert, und zwar - ganz ehrlich - auch persönlich nicht immer sehr angenehm. Die Vorgeschichte ist ja, dass der "Spiegel" mir lange nicht geglaubt hat, dass sie in ihren Reihen einen Hochstapler und notorischen Lügner haben. Und da kämpft man so ein bisschen gegen Wände. Aber das ist einfach eine unfassbar spektakuläre Geschichte. Und als Journalist will man diese Geschichten aufschreiben und auch wissen, was dahinter ist. Das war, ehrlich gesagt, auch die zweite Motivation, um dieses Buch aufzuschreiben.

Da hat also das Journalistenherz auch einen ganz großen Anteil gehabt. Sie waren derjenige, der den Stein im Fall Relotius ins Rollen gebracht hat. Geschrieben worden ist seither nicht gerade wenig, jetzt trotzdem noch das Buch von Ihnen. Hatten Sie das Gefühl, dass die Geschichte noch nicht auserzählt ist nach all dem, was schon publiziert und erzählt worden war? Was fehlt denn bis heute?

Moreno: Es ist ja so, dass die Sicht des "Spiegels" dargelegt wurde, dass viele Kollegen dazu ihre Meinung - sehr berechtigt - kundgetan haben. Ich glaube aber - und das sind ja auch zum Teil die Reaktionen der Kollegen, die das Buch rezensieren -, dass jetzt eine andere Dimension dahinter kommt. Man versteht deutlich mehr, wie ein Hochstapler, so wie es ihn in meinen Augen im Journalismus wahrscheinlich noch nie oder vielleicht lange nicht gegeben hat, es tatsächlich bis an die Spitze des wohl wichtigsten Nachrichtenmagazins Deutschlands geschafft hat. Wir reden ja von 40 Auszeichnungen in knapp sechs, sieben Jahren - er war also alle paar Wochen auf irgendeiner Bühne, und der deutsche Journalismus hat sich vor ihm verneigt. Das ist schon ein ganz spezieller und besonderer Fall. Und ich glaube, wenn man versteht, wie genau die Dynamiken im "Spiegel" waren, wie meine Dynamik war und wie das journalistische Heranwachsen von Claas Relotius vonstatten ging, dass man noch Einiges lernen kann.

Sie arbeiten nach wie vor für den "Spiegel" und mussten einige Widerstände überwinden, bis der Fall Relotius veröffentlicht wurde. Wie läuft die Zusammenarbeit jetzt für Sie?

Autor Juan Moreno © picture alliance/Mirco Taliercio/Rowohlt Verlag/dpa Foto: Mirco Taliercio

"Es ist der aufrichtige Versuch, abzuschließen"

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Dass der Skandal um Claas Relotius an die Öffentlichkeit kam, ist "Spiegel"-Reporter Juan Moreno zu verdanken. Nun erscheint sein Buch "Tausend Zeilen Lüge" - NDR Kultur hat mit ihm gesprochen.

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Moreno: Exakt gleich mit einer kleinen Ausnahme: Ich war vorher im Gesellschaftsressort, wo die Reportagen entstehen. Jetzt habe ich ins Auslandsressort gewechselt, reise also viel herum und schreibe Reportagen aus dem Ausland, zuletzt war ich in Kolumbien. Aber im Grunde hat sich für mich nichts geändert. Ich bin weiterhin freier Mitarbeiter, bin also nicht fest angestellt. Und ich habe dem "Spiegel" versprochen, - Chefredakteur Steffen Klusmann hat es am Montag auch auf "Spiegel Online" geschrieben - dass ich ein Buch schreiben werde, das keine Abrechnung ist. Dass ich jetzt nicht mit einem Victory-Zeichen herumlaufe. Es ist aber ein Buch, das ihm auch nicht gefallen wird, weil ich das mache, was ich beruflich mache: Fragen stellen und versuchen, Fragen zu beantworten. Und er hat gesagt, ich habe mein Versprechen in beiden Fällen gehalten.

Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie?

Moreno: Das größte Nachrichtenmagazin Europas sagt, dass du Rufmord begehst. Und zwar gegenüber einem Mann, den sie unter anderem als Jahrhundert-Talent bezeichnet haben. Und Sie sind freier Mitarbeiter. Es waren einige schlaflose Nächte.

Hat sich der "Spiegel" durch diesen Fall, durch dieses Buch verändert?

Moreno: Ich glaube nicht, dass die Kollegen jetzt anders arbeiten. Und zwar nicht nur beim "Spiegel". Ich glaube, dass viele Kollegen, bei den Printblättern, beim Radio oder bei anderen Medien, weiterhin einfach ihren Job so machen können wie bisher, weil sie in der Vergangenheit nicht gelogen haben.

Was sich geändert hat, ist das Misstrauen, das Redaktionen teilweise gegenüber Mitarbeitern haben - man kann es auch Kontrollbedürfnis nennen. Wer also heute beispielsweise eine sehr spektakuläre Geschichte als Reportage vorlegt, wird garantiert gefragt werden: Hast du vielleicht Bänder? Hast du die Telefonnummer? Können wir den Protagonisten sprechen? Insofern hat sich die Dynamik ein bisschen verändert.

Das Gespräch führte Petra Rieß.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 17.09.2019 | 15:20 Uhr