Das Logo der Wikipedia App auf dem Display eines Smartphones © imago images / Kirchner-Media Foto: Wedel

Internet statt Wälzer: Wikipedia löst klassische Lexika ab

Stand: 11.01.2021 11:49 Uhr

Vor 20 Jahren ging Wikipedia auch in Deutschland an den Start. Das Online-Nachschlagewerk gehört zu den am häufigsten genutzten Internetseiten - und hat Lexika wie Brockhaus oder Meyers den Rang abgelaufen.

von Janek Wiechers

Tausende Autorinnen und Autoren erstellen und bearbeiten die Lexikon-Einträge - und Millionen greifen auf diese Informationen zu. Die frei verfügbare und kostenlose Online-Enzyklopädie hat längst die klassischen Lexika in Buchform abgelöst. Die schweren Bände im Buchregal - Brockhaus, Meyers Konversationslexikon oder die alt-ehrwürdige Encyclopedia Britannica etwa - haben heute allenfalls noch historischen Wert. Wikipedia hat die Art und Weise des Umgangs mit Lexika grundlegend geändert.

Wikipedia macht den Gang zum Regal überflüssig

"Es ist doch sehr viel einfacher, wenn Sie zum Beispiel etwas schreiben, einfach in ihrem Computer ein anderes Fenster aufzumachen und sich Daten oder Informationen, die sie brauchen da zu holen, als ans Regal zu gehen," sagt eine pensionierte Gymnasiallehrerin, die in einer norddeutschen Großstadt lebt. Immer auf dem aktuellsten Stand, unkompliziert verfügbar und viel detaillierter als das klassische Lexikon. Das sind einige der Gründe warum diese Dame Wikipedia nutzt, um Informationen nachzuschlagen.

Wikipedianer schreiben meist unter einem Pseudonym

Sie liest aber nicht nur leidenschaftlich Wikipedia-Artikel, sondern erstellt und verändert sie auch. Wie die meisten Wikipedianer - so nennen sich die ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren selbst - schreibt sie unter einem Pseudonym. In der Online-Enzyklopädie beschäftigt sie sich als "Felistoria" unter anderem mit historischen Handschriften und Tieren. Unsere Art sich zu informieren, habe sich sehr verändert, sagt sie. Sich überhaupt kundig zu machen - über Begriffe, Personen, Dinge aus der Natur. Sie glaubt, jetzt stehe einfach mehr zur Verfügung. Früher habe es zur Hochzeit ein Konversationslexikon gegeben. Und das sei einem dann ein Leben lang geblieben.

Der klassische Brockhaus spielt keine Rolle mehr

Ein aufgeschlagenes Lexikon liegt vor schwarzem Hintergrund  Foto: Gabrielle_RRI
Viele klassische Lexika erscheinen heute nicht mehr gedruckt auf Papier.

Die Konversationslexika haben längst ausgedient. Mit der fortschreitenden Digitalisierung verloren sie rapide an Bedeutung. Bereits 2005 erschien etwa die letzte Ausgabe des Brockhaus - jenes gewichtige, mehrbändige Lexikonwerk mit langer Tradition. Der herausgebende Verlag wechselte mehrfach den Besitzer, verschwand schließlich ganz vom Markt. Heute besitzt ein schwedisches Unternehmen die Namensrechte und gibt eine kostenpflichtige Online-Enzyklopädie heraus.

Digitalisierung: Internet löst Papierform ab

Ist Wikipedia etwa Schuld am Niedergang des traditionellen Lexikons? Das wäre eine sehr verkürzte Sicht, meint Stephanie Warnke-De Nobili, Redaktionsleiterin des heutigen Internet-Brockhaus aus München. Sie sehe es in einem sehr viel größeren Kontext: Dass das Internet und die Digitalisierung allgemein vor allem das Nachschlagen und das Aufsuchen von Informationen auf gedrucktem Papier zu Grabe getragen habe. Und das sei natürlich im Falle von Wikipedia als einem sehr erfolgreichen und sehr schnell gewachsenen Online-Archiv sehr zugespitzt zu sehen.

Eine Sicht, die auch Annekatrin Bock teilt. Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Man müsse das Verschwinden der traditionellen Lexika in einem größeren Zusammenhang sehen: "Ich glaube das würde ich jetzt nicht einem Kanal oder Online-Medium zuschreiben." Das sei ein Prozess, der sich im Zuge von Digitalisierung und medialer Transformation abzeichnet, in allen Branchen - auch der Musik- und Schulbuchverlagbranche. Und den könne man nicht Wikipedia als einem Online-Angebot zuschreiben.

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Lexikonverlagslandschaft erlebt Umwälzungsprozess

Was aber ist aus dem Heer der Lexikonautorinnen und -autoren geworden? Die früheren Beschäftigten sind allenfalls noch als freie Autorinnen und Autoren mit im Boot, erklärt Brockhaus-Redakteurin Warnke-De Nobili: Natürlich sei das ein Umwälzungsprozess gewesen. Die Branche sei in gewissem Sinne kleiner geworden. Und auch dort hätte sich ein bisschen die Zusammensetzung geändert. Es sei nicht mehr so leicht, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Universitäten für eine allgemeinbildende Enzyklopädie zu gewinnen.

Wikipedia lebt vom Erfahrungsschatz einer Community

Im Falle der Online-Enzyklopädie Wikipedia sind es häufig Laien und eben keine Experten des Fachs, die die Einträge erstellen. Auch Wikipedia-Nutzerin "Felistoria" aus Norddeutschland weiß davon zu berichten: "Da sind viele dabei, die sich kundig gemacht haben." Sie kenne zum Beispiel jemanden, der eigentlich Mathematiker sei, der aber hervorragend über Literatur schreibe. Das seien aber Dinge, die keiner merken würde. Es könne auch jemand vom Fach sein.

Dass es kein Manko sein muss, wenn nicht nur ausgewiesene Experten am Werke sind, davon ist Lukas Mezger überzeugt. Der Hamburger Anwalt - selbst seit den Anfangstagen Autor bei Wikipedia - ist Vorsitzender von Wikimedia Deutschland. Der Verein unterstützt die Online-Community. Bei Wikipedia falle es aufgrund der Vielzahl an Nutzern sofort auf, wenn etwas nicht richtig sei, sagt Mezger. Und es werde entsprechend korrigiert. Ein Artikel in einem klassischen Lexikon werde von viel weniger Menschen geschrieben und sei vielleicht viel eher anfällig für einseitige Darstellungen oder auch Fehler. Und da habe ein kollaborativ erstelltes Online-Lexikon wie Wikipedia einen Vorteil: "Der Schwarm, der versucht die aktuellsten und objektivsten Informationen wiederzugeben. Und auch dabei zu nennen, woher denn die Informationen stammen", so Mezger weiter.

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 11.01.2021 | 06:40 Uhr

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