Teilnehmer des Hörsalons auf dem Podium im Gespräch © NDR Foto: Cana Czyrt

HörSalon: Whither goest thou, America? Die USA vor der Wahl

Stand: 28.10.2020 08:06 Uhr

Im Moment sehen die Umfragen den Demokraten Joe Biden deutlich vorn. Aber was, wenn US-Präsident Trump die Wahl in der kommenen Woche doch gewinnt?

von Ole Wackermann

Schließlich hatten vor vier Jahren die wenigsten mit seinem Sieg gerechnet  Und wie hat seine Präsidentschaft die USA schon jetzt verändert? Lässt sich das überhaupt noch zurückdrehen? Das sind Fragen über die der Schriftsteller Daniel Kehlmann und die US-amerikansiche Philosophin Susan Neiman gestern in Hamburg diskutiert haben. Beim Hörsalon von NDR Kultur und der Zeit-Stiftung - immerhin, trotz Corona durften einige wenige Zuhörerinnen und Zuhörern dabei sein.

Trump muss die Wahl verlieren

Donald Trump muss diese Wahl verlieren. Daniel Kehlmann hat es seinem damals sieben Jahre alten Sohn versprochen. Gleich an dem Morgen vor vier Jahren, als er ihm erklären musste, dass dieser Mann tatsächlich Präsident der Vereinigten Staaten sein würde: "Sieh mal, habe ich gesagt, so ist das in einer Demokratie: Da können böse Leute gewählt werden, aber die werden dann auch wieder abgewählt - und in einer Woche wissen wir, ob ich dieses Versprechen halten kann."

So einfach und klar wünschte es sich Kehlmann für seinen Sohn, der in New York jahrelang zur Schule ging, während er dort deutsche Literatur lehrte. Doch er weiß, so einfach wird es nicht sein. Als einer der wenigen hatte Kehlmann mit Trumps Wahl gerechnet, fragte sich was geschieht, wenn auf demokratischem Wege ein Mann gewählt wird, der die Demokratie beschädigt. Es ist viel passiert in diesen vier Jahren Trump, sagt die Philosophin Susan Neiman. Und das Schlimmste sei, dass man dabei abstumpfe: "Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so schlimm wird. Dieser bewusste Versuch, entrüstet zu bleiben, der gelingt nicht."

Die Demokratie steht auf dem Spiel

Bei dieser Wahl steht  die Demokratie in den USA auf dem Spiel, ist sich Daniel Kehlmann sicher. Aber mittlerweile ist er optimistisch, dass sie den Test übersteht: "Ich glaube, es wird enden, aber habe natürlich auch Angst, dass es doch anders kommt." Dabei lächelt er unter seinen verwuschelten Haaren sein extrabreites Kehlmann-Lächeln. Neiman lächelt zurück während sie immer wieder mit vollem Körpereinsatz ihre Gedanken unterstreicht: "Ich glaube das auch, ich bin schon vom Charakter her niemand, der schwarz sieht."

Die beiden sind einander sympathisch, nehmen immer wieder die Bälle von NDR Kultur-Moderator Alexander Solloch auf. Trump, das Monstrum, wie ihn Kehlmann nennt, scheint mit einem Mal schon fast besiegt. Aber eben nur fast, man dürfe Trumps Wählerbasis nicht unterschätzen. Wichtige Motive, um Trump zu wählen, seien die Spaltung in der Gesellschaft und das Eigeninteresse von Wohlhabenden, analysiert Kehlmann:

"Es gibt viele, die haben diesen unglaublichen Kandidaten gewählt, einfach weil sie sich als republikanische Wähler sehen. Und es gibt eine solide Schicht von Leuten, die wählen einfach denjenigen, der verspricht, ihre Steuern zu kürzen. Das ist immer der republikanische Kandidat."

Ein großes Problem der USA: Rassismus

Und noch etwas habe auch sie selbst unterschätzt, gesteht Neiman ein. Den Rassismus in den USA. Neiman lebt seit vielen Jahren in Deutschland, leitet das Potsdamer Einstein-Forum. Die Vereinigten Staaten müssen ihre Vergangenheit aufarbeiten ist ihre These. Und dabei können sie aus gerechnet von den Deutschen lernen, so der Titel ihres Buches. "Am Anfang hat der Titel viele Leute abgechreckt. 2019 hat niemand mehr daran Anstoß genommen. Die Leute haben gesehen, dass wir auch etwas aufarbeiten müssen. Dank Trump!", erzählt sie.

Dieser Prozess wird nur dann in Gang kommen, wenn Trump die Wahl tatsächlich verliert. Aber, das wird er doch, oder? Kehlmann meint: "Ich habe schon eine gewisse Vorfreude auf den Moment - wie im Zauberer von Oz, wenn alle singen: The witch is dead!" Da ist es wieder, das Kehlmann-Lächeln, bevor er es hinter einem Mund-Nase-Schutz versteckt.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 28.10.2020 | 10:20 Uhr

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