Stand: 13.09.2017 11:30 Uhr

Aus Müll wird Kunst, aus Kunst wird Geld

Ist das Kunst oder kann das weg? Diesen Satz haben wir schon oft gehört. Aber wie kann man aus dem, was weg kann, Kunst machen? "Upcycling" heißt der Trend, bei dem aus weggeworfenen Dingen Kunst- und Designobjekte entstehen. Genau das ist der Kern des Projekts "Trash for Cash" ("Müll gegen Geld"), das der Hamburger Sönke Rosenkranz gegründet hat. Simone Horst macht einen Selbstversuch.

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Sönke Rosenkranz auf einem Müll-Streifzug. Sein Weidenkorb füllt sich meist schnell - es sei denn, die Stadtreinigung kommt ihm zuvor.

Sönke Rosenkranz ist auf einem seiner Streifzüge durch St. Georg. Er trägt kurze Hosen und ein Basecap. Es ist ein heißer Sommertag. Am Arm des 31-Jährigen baumelt ein Flechtkorb. Auf dem Weg erklärt er: "Ich bin tatsächlich Müllsammler. Ich sammle Müll und aus diesem Müll baue ich Porträts und Firmenlogos." Er zeigt einen roten Kronkorken, auf dem lediglich ein Verfallsdatum steht - ein ganz rares Schätzchen, wie er meint. Denn: Bei den Werken, die daraus entstehen, ist es wichtig, dass die Müllteile nicht "gebranded", also dass sie ohne sichtbare Markennamen daherkommen. Außerdem verwendet Sönke für seine Kunstwerke keine Teile, die verrotten können, wie Zigarettenstummel oder Taschentücher.

Fixiert auf Müll

Normalerweise zieht Sönke mehrere Stunden durch die Stadt und findet säckeweise Müll. Heute scheint uns die Stadtreinigung zuvorgekommen zu sein, aber nach und nach werden wir fündig. Ich hätte gedacht, dass es mir unangenehm sein würde, durch die Straßen zu ziehen und Müll zu sammeln. Aber schon nach kurzer Zeit bin ich nur noch darauf fixiert, die besten Müllteile für unser Kunstwerk zu finden. Sönke hat Einmal-Handschuhe dabei. So kriechen wir unter Sträucher an Grünstreifen und erkunden die Flächen rund um Mülleimer. Vielleicht ist ja etwas danebengefallen. Und tatsächlich: Wir werden mit Plastikdeckeln von To-go-Bechern, Flaschendeckeln und Kronkorken belohnt. Eine typische Ausbeute? Laut Sönke schon: "Dazu kämen meist noch ein paar Feuerzeuge und dann hätten wir auch schon den Hauptbestandteil dessen, was in diesen Logos verbaut wird."

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Ein Blick auf Müllfunde in Sönkes Küche, seinem Atelier. Wahre Schätze sind Müllteile, auf denen keine Markennamen zu sehen sind.

Mit unserem gefüllten Körbchen machen wir uns auf den Weg zu Sönkes Arbeitsplatz. Seine Bilder entstehen an seinem Küchentisch in einer Altbauwohnung in St. Georg. Hier hatte er auch die Idee zu seinem Projekt "Trash for Cash": "Im Juni 2016 habe ich in einer langen Nacht darüber nachgedacht, wie ich in Zukunft mein Geld verdienen möchte und gleichzeitig etwas Gutes tun kann." Am nächsten Morgen ging er aus dem Haus und sammelte seinen ersten Müll.

Unser Kunstwerk wird zwar eher klein, aber der erste Schritt ist immer derselbe. Sönke überzieht eine Holzplatte mit einer weißen Folie. Danach fixiert er eine Schablone auf der Platte. Das Ziel: Das Motiv der ausgedruckten Schablone auf die Folie zu übertragen. Mit einem Teppichmesser werden die Umrisse in die Folie geritzt, damit wir wissen, wo wir Müll hin kleben und wo nicht.

Prominente Abnehmer

Zu seinen bisher größten Kunstwerken zählen ein Bild mit dem Logo des FC St. Pauli und ein Porträt von Christoph Metzelder, das der ehemalige Fußball-Nationalspieler ihm auch abgekauft hat. Der Preis der Bilder wird nach Größe berechnet und die Hälfte des Geldes spendet der Kunde an wohltätige Zwecke. Als Künstler sieht sich Sönke Rosenkranz aber nicht: "Ich denke eher, dass ich ein Typ bin, der eine ganz lustige Idee hatte, die sich am Ende auch gut umsetzen lässt."

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Fertig! Das NDR-Logo, nachgebaut aus dem Müll der Straßen St. Georgs.

Normalerweise braucht Sönke für das Kleben pro Bild mindestens einen ganzen Tag. Kronkorken, Flaschendeckel und Strohalme müssen zurechtgeschnitten oder geformt werden. Sönke zeigt mir, wie es geht und dann lege ich los. Es ist komplizierter, als ich erwartet hätte. Auch wenn mein Bild klein ist, bin ich ziemlich lange am Basteln. Am Ende bin ich aber zufrieden: Herausgekommen ist meine Interpretation des NDR Logos. Für mich eindeutig Kunst!

Der Müllsammler und Kunsthandwerker Sönke Rosenkranz © NDR.de Fotograf: Simone Horst

Aus Müll mach' Kunst

NDR Kultur -

Sönke Rosenkranz sammelt Müll und macht daraus Kunstwerke. Unsere Reporterin wollte wissen, ob sie das auch kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 13.09.2017 | 10:20 Uhr