Stand: 02.04.2020 06:40 Uhr

Digitaler Schulunterricht in Zeiten von Corona

von Linda Ebener

Kein Lehrer, den man schnell um Rat fragen kann, keine geregelten Pausenzeiten und keine Schulkameraden: Seit Mitte März müssen deutsche Schülerinnen und Schüler den Unterrichtsstoff zu großen Teilen selbst erarbeiten. Wie funktioniert das?

Leerer Klassenraum © Fotolia.com Foto: Uolir
Laut Statistischem Bundesamt sind in Deutschland rund 43.000 Schulen mit 11 Millionen Schülern von dem Unterrichtsausfall betroffen.

Die Schulen im Land sind noch voraussichtlich bis zum 19. April geschlossen. Ob sie danach wieder öffnen, steht noch nicht ganz fest. Deshalb findet der Schulunterricht momentan zu Hause statt. Für die Eltern und Kinder eine große Herausforderung. Die Lehrerinnen und Lehrer sind aber teilweise sehr kreativ, was die Aufgabenstellung angeht.

Web-Plattform statt Klassenraum

In Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind zwar gerade Osterferien, trotzdem müssen die Kids noch letzte Arbeitsblätter und Aufgaben erledigen, die sie in den vergangenen zwei Wochen nicht geschafft haben. In Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ist noch Schule, aber eben von zu Hause aus - ganz einfach sind diese angeblichen "Corona-Ferien" nicht. Einige Lehrer wurden da ganz kreativ, um ihre Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, sagt Stefan Lindhorst vom Schulleitungsverband Niedersachsen. "Einige Kollegen drehen kleine Youtube-Videos und laden diese hoch. Vieles läuft über 'Teams', ein Programm, das Klassenlehrer und Schüler vernetzt, oder über das Stundenplanprogramm 'Webuntis'. Dort können wir in den Stundenplan des Schülers schreiben, welche Aufgaben er erledigen soll. Zudem kann man auch kleine Arbeitsblätter hochladen."

Problem: technische Ausrüstung

Ein Mädchen sitzt vor einem Computer und lernt. © imago images/epd Foto: Anke Bingel
Während der Schulschließungen aufgrund der Corona-Krise wird das selbstständige Lernen in den eigenen vier Wänden von vielen Schulen vorausgesetzt.

So läuft es momentan in vielen Schulen im Land. Jeder Lehrende hat da so seine ganz eigene Methode, wie er die Kinder weiter unterrichtet. Trotzdem treten immer mal wieder Probleme auf, sagt Benjamin Laudien, Lehrer von der Holstentor-Gemeinschaftsschule Lübeck. "Das eine sind die Medienkompetenzen der Kinder und das andere sind die technischen Geräte. Das fängt bei Kleinigkeiten an: Wie verschicke ich etwas, das ich handschriftlich geschrieben habe, am besten per E-Mail? Teilweise fehlt es auch an technischen Voraussetzungen. So haben viele Kinder lediglich Zugriff auf ein Smartphone - das stellt uns vor Herausforderungen."

Viele Computer durch Eltern besetzt

In manchen Haushalten gibt es gar nicht so viele PCs, an denen gearbeitet werden kann. Schwierig wird es auch dann, wenn die Eltern selbst im Homeoffice arbeiten müssen und den PC selber für ihre Arbeit brauchen. Marc Steinbach ist Vater von zwei Kindern und Elternvertreter in Schwerin. Er versucht zusammen mit seiner Familie den Computer nach der Priorität der Aufgaben einzuteilen. Bisher hat das auch ganz gut funktioniert, es gab nur ab und zu kleinere Überschneidungen. Auf einer Internetplattform sehen seine Kinder, welche Aufgaben sie noch erledigen müssen, jeden Tag kommt etwas Neues dazu. Steinbachs Tochter ist in der elften Klasse an der Niels-Stensen-Schule und total überfordert. "Die haben sofort die Aufgabenstellungen bekommen. Ich muss zugeben, dass ich mir das nicht genau angeguckt habe. Ich habe nur die Oberfläche gesehen und registriert, dass meine Tochter ordentlich losknüppelt und kaum hinterherkommt mit den Deadlines." Sie sitzt teilweise länger am Schreibtisch, als wenn sie ganz normal zur Schule geht, sagt Steinbach.

Kinder stehen teilweise unter Stress

Kind mit Buch © Fotolia.com Foto: kids.4pictures
Leistungsdruck und hohes Arbeitspensum: Der digitale Schulunterricht belastet zahlreiche Kinder in Deutschland stark.

Helge Pepperling ist von der Lehrergewerkschaft in Hamburg und gleichzeitig Lehrer an der Erich Kästner Stadtteilschule. Er kann Steinbachs Tochter verstehen, denn die Motivation bei den Kindern ist sehr unterschiedlich, weshalb sie auch unterschiedlich mit der Bewältigung des Unterrichtsstoffs umgehen. "Die Schülerinnen und Schüler haben ja die Möglichkeit sich herauszuziehen, dann findet keine Überforderung statt. Aber einige sind sehr wohl stark belastet, weil sie denken, sie müssten alle Aufgaben, die auf sie zukommen, bearbeiten."

Schule online – es klappt, aber es ist ausbaufähig und für die Lehrerinnen und Lehrer ist es auf jeden Fall mehr Arbeit, das ist in allen vier Bundesländern Norddeutschlands deutlich geworden. Die Vernetzung mit dem Internet und die Digitalisierung sind noch nicht so weit ausgebaut, dass der Unterricht wie gewohnt von zu Hause stattfinden kann. Da muss noch einiges passieren, wenn es das nächste Mal so einen ähnlichen Fall gibt, sagen die Lehrer und Eltern einstimmig.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 02.04.2020 | 06:40 Uhr