Stand: 29.03.2020 13:43 Uhr

Zum Tod des Komponisten Krzysztof Penderecki

Krzysztof Penderecki hat das Musikleben in Polen Zeit seines Lebens mit geprägt - ob als Revolutionär oder als spätmoderner Klassiker. Am 29. März ist er im Alter von 86 Jahren in Krakau verstorben.

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Krzysztof Penderecki wurde am 23. November 1933 im polnischen Dębica geboren.

Penderecki hat zum Andenken an die Toten von Hiroshima komponiert, zahlreiche Titel wurden in Filmen eingesetzt wie "Der Exorzist", "Shining", "Wild at Heart - Die Geschichte von Sailor und Lula" und "Shutter Island". Am 29. März starb der polnische Komponist und Dirigent im Alter von 86 Jahren in Krakau. NDR Kultur Musikredakteur Ludwig Hartmann hat Penderecki mehrfach getroffen und erinnert sich im Gespräch an einen großen Kompnisten, aber auch an einen besonderen Menschen voller Wärme und Charme.

Krzysztof Penderecki ist im Alter von 86 Jahren verstorben. Die Betroffenheit in der Musikwelt  ist groß. Wie schätzen Sie die Bedeutung des Komponisten Penderecki ein, den Sie ja auch mehrfach persönlich getroffen haben?

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Ludwig Hartmann hat Krzysztof Penderecki mehrfach getroffen: "Es waren ausnahmslos höchst angenehme Begegnungen."

Ludwig Hartmann: Krzysztof Penderecki war sicherlich ein sehr bedeutender Komponist, weltweit geschätzt, weit über seine polnische Heimat hinaus - ob seiner kompositorischen Innovationen in jungen Jahren, auch ob seines späteren auch sehr breiten Erfolgs und ob seiner Vielseitigkeit, im Bereich der sogenannten E-Musik, aber auch zum Beispiel in der Filmmusik. Die Musik in "Shining" oder "Der Exorzist" etwa.

Er war in jungen Jahren ein absoluter Avantgardist, ein Star bei den Musiktagen von Donaueschingen und wandelte seine Kompositionsweise. Es ging zurück zur Tonalität und seine Musik wurde, kurz gesagt, eingängiger, leichter zu konsumieren, was ihm ja auch vielfach vorgeworfen wurde.

Absolut spektakulär betrat er noch als Student in Krakau die musikalische Bühne im damals recht abgeschotteten Polen. Beim Wettbewerb des sozialistischen Komponistenverbands reichte er anonym gleich drei Werke in verschiedenen Kategorien ein. Alle gewannen jeweils den ersten Preis. Ein absoluter Paukenschlag, der ihm viele Türen öffnete.

Penderecki war ja auch politisch engagiert und hat in seinen Kompositionen auf politische Ereignisse reagiert.

Hartmann: Ja, und zwar immer wieder. So hat er unter anderem auf die Anschläge vom 11. September kompositorisch reagiert, ein Werk im Gedenken der Opfer von Hiroshima geschrieben und der oft tragischen Geschichte Polens in seinem "Polnischen Requiem" ein musikalisches Denkmal gesetzt. Das war sicherlich zuerst einmal echtes Engagement, aber Penderecki war auch ein Meister darin, sich und seine Musik geschickt zu vermarkten, was ja wahrlich auch keine Schande ist, aber doch auch immer wieder Neider auf den Plan rief.

Er war um 1990 ja auch 1. Gastdirigent des damaligen NDR Sinfonieorchesters, sehr geschätzt von den Musikerinnen und Musikern ob seiner menschlichen Wärme und seines sehr guten Umgangs. Sicherlich war er kein überragender Dirigent, aber war doch auch als Dirigent sehr gefragt und hat viele beeindruckende Konzerte, gerade auch hier bei uns, dirigiert.

In den 90er Jahren haben Sie Penderecki hier beim NDR auch selbst mehrfach erlebt und getroffen?

Hartmann: Ja, und auch das waren ausnahmslos höchst angenehme Begegnungen. Sicherlich auch wegen seiner so warmen Art war er ja mit vielen bedeutenden Musikerinnen und Musikern in engem Kontakt, wenn nicht gar befreundet. Mit Anne-Sophie Mutter etwa, mit Sharon Kam, Daniel Müller-Schott oder Claudio Bohorquez zum Beispiel.

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Die handgeschriebene Partitur ist ein Geschenk des Komponisten Krzysztof Penderecki an Ludwig Hartmann.

Und er hatte auch, sagen wir mal, etwas Schelmisches. Nach einem längeren Fernseh-Interview in den 90ern raunte er mir - gespielt missmutig - zu, er habe an sich gar keine Lust mehr zum Komponieren. Das mache er nur noch zum Geldverdienen. Seine wirkliche Liebe gelte den Pflanzen. Ständig sei er auf der Suche. Dann drückte er mir handsignierte Partituren als Geschenk in die Hand und bedankte sich für das Gespräch. Und er hat ja auch wirklich einen floristisch spannenden Park bei sich in Südpolen angelegt.

Dass das mit der Unlust am Komponieren nicht so ganz ernst gemeint gewesen sein kann, hat er durch hohe Schaffenskraft später immer wieder bewiesen. Und für seine, sagen wir mal, flexible Umgangsweise, auch mit der eigenen Musik, gab vor zwei Wochen der Cellist Claudio Bohorquez bei einem NDR Kultur Foyerkonzert in Lüneburg - übrigens kurz bevor alle Veranstaltungen vorerst untersagt wurden - ein schönes Beispiel.

Wenn ich noch mal Penderecki nennen darf, so ist er jemand, der dem Künstler enorm viele Freiheiten gibt. Es ist ehrlich gesagt wahnsinnig schwer, herauszufinden, ob er das oder jenes möchte. Ich habe schon öfter versucht, ihn konkret zu fragen, soll ich ein bisschen schneller oder langsamer oder ein bisschen rauer oder weicher spielen und er sagt immer: "Ach, wie Du das machst, ist wunderbar."

Und dann frage ich meine Kollegen: "Wie spielst Du denn die Stelle?" Und dann merke ich, dass mein Kollege das gleiche Stück an einer bestimmten Stelle anders interpretiert als ich und frage: "Hast Du auch mit ihm gearbeitet?" Und er sagt: "Ja ja, natürlich." "Und, was hat er gesagt?" Die Antwort: "Genauso habe ich mir das vorgestellt!" Claudio Bohorquez

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Programmänderung zum Tod von Krzysztof Penderecki

Sonntag, 29. März, 18 Uhr: Sonderausgabe der Starken Stücke ab 18 Uhr
Peter Tschaikowsky: Sinfonie Nr.5 e-moll, op.64, NDR Elbphilharmonie Orchester/ Krzysztof Penderecki, Konzertmitschnitt vom 29.09.1989 aus der Münchner Philharmonie

Dienstag, 31. März, 21 Uhr: "neue musik"
Der Spätmoderne Klassiker - zum Tod von Krzysztof Penderecki. Eine Sendung von Helmut Peters

Donnerstag, 2. April, 20 Uhr: NDR Elbphilharmonie Orchester
Das "Polnische Requiem" von Krzysztof Penderecki, eine Aufführung vom 30.6.1989 im Lübecker Dom. Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester - am Pult: Krzysztof Penderecki (das "Podium der Jungen" entfällt)

Weitere Informationen
36:20

Krzysztof Penderecki im Gespräch (2008)

Der polnische Komponist Krzysztof Penderecki hat 2008 seinen 75. Geburtstag gefeiert und mit Philipp Schmid im gleichen Jahr auf sein Werk zurückgeschaut. Audio (36:20 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.03.2020 | 14:20 Uhr