Cornelia Funke sitzt an einem Tisch und ist in ein Gespräch vertieft. © dpa Foto: Karlheinz Schindler

Cornelia Funke zur US-Wahl: "Trump spielt mit den Ängsten"

Stand: 05.11.2020 19:21 Uhr

Kinderbuchautorin Cornelia Funke lebt seit 15 Jahren in Kalifornien. Wie hat sie den Wahlabend in den USA erlebt?

von Eva Schramm

Anfang dieser Woche ist der vierte Band von "Reckless" erschienen. "Auf silberner Fährte" - so heißt das neue Buch von Cornelia Funke, das dieses Mal nach Japan führt. Zu Hause ist Cornelia Funke in Malibu, Kalifornien. Seit 15 Jahren lebt die Schriftstellerin in den USA auf einer Farm.

Cornelia Funke, in Malibu ist es jetzt 08.19 Uhr. Wie gut haben Sie schlafen können angesichts der immer noch nicht entschiedenen US-Wahl?

Cornelia Funke: Also ein bisschen besser als die Nacht davor. Nach der ersten Wahlnacht waren wir eigentlich alle der schlimmen Meinung, dass Trump die Wahl gewonnen hat. Und das macht natürlich sehr traurig, wenn man sich überlegt, dass große Teile der Bevölkerung hier so einen Präsidenten haben wollen. Als dann die Stimmen der Frühwähler reinkamen - und man sieht, dass es doch immer noch eine große Mehrheit in den USA gibt, die das nicht möchte -, war das schon sehr tröstlich.

Sie haben es gerade angesprochen: Egal, wie die Wahl ausgeht, Sie haben auch nicht erwartet, dass Trump so viel Zuspruch und Wählerstimmen von den US-Amerikanern bekommt.

Funke: Wir alle haben das befürchtet, weil er einfach so geschickt darin ist, mit den Ängsten der Menschen zu spielen. Und wir haben ja ähnliche populistische Strömungen überall in der Welt gesehen. Die Brexit-Entscheidung in England war ja eine der ersten, die einem da Alarmzeichen sandte. Und als der Brexit das zweite Mal passierte, habe ich mir schlimme Gedanken dazu gemacht, was hier passieren wird. Da ist im Moment so viel Angst, weil sich die Welt auf so dramatische Weise ändert. Und statt vor der Klimakatastrophe Angst zu haben, haben die Menschen Angst davor, dass es hier plötzlich keine Mehrheit von weißen Amerikanern mehr gibt, oder dass die Armut der Farmer und der Arbeiter hier von den Regierenden nicht gesehen wird. Da spielen wirklich ganz viele irrationale Dinge eine große Rolle, die sogar teilweise verständlich sind. Aber leider ist da jetzt ein Mann, der das melkt und auf geschickte Weise für seine eigenen Ziele ausnutzt - der sich mit seinen Wählern nicht mal für einen Kaffee an den Tisch setzen würde.

Noch in der Wahlnacht hat Trump von Wahlbetrug gesprochen. Er bemüht nun verschiedene Gerichte in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania und wird das wohl auch in Nevada tun. Da ist in Kürze eine Pressekonferenz seines Wahlkampfstabs in Las Vegas angekündigt. Das wurde ja von vielen befürchtet, dass er Wahlergebnisse nicht akzeptieren wird. Haben Sie das auch so erwartet?

Funke: Ja, das hat er ja so oft angekündigt. Und - leider - was er ankündigt, das tut er ja meistens auch. Und meistens sogar noch mehr. Da wird auf uns noch einiges an Tumult zukommen und bestimmt auch an gewalttätigen Ausschreitungen. Da hat es ja jetzt schon Sachen in Georgia und anderswo gegeben, wo Menschen ganz offen bedroht wurden. Dann das Ereignis, als die Lastwagen den Bus der Demokraten von der Straße gedrängt haben und so weiter und so weiter. Also ich glaube, wir alle sind im Moment ein mahnendes Beispiel, was passiert, wenn ein Volk den falschen Führer wählt. Da wissen wir Deutschen ja nur allzu gut, wo das hinführt. Und man kann im Moment nur jedem Land wünschen, dass es sich für vorsichtige, weise und mitfühlende Kanzler, Präsidenten oder was auch immer entscheidet. Denn das macht dann einfach eben doch einen Unterschied, ob jemand all diesen Hass, den es ja überall gibt, und all die Dummheit ankurbelt oder ob jemand sie beruhigt.

Sie sind in Malibu in Kalifornien. Dort haben bisher 65,3 Prozent der Wahlberechtigten für Biden gestimmt. Bekommen Sie denn da direkt was mit von diesem so gespaltenen Amerika? Oder ist dann Kalifornien doch ein bisschen so etwas wie eine große Blase? Eine Welt für sich?

Funke: Kalifornien ist eine Welt für sich, aber keine Blase, sondern ja im Moment einer der stärksten Oppositionsstaten gegen das, was da gerade im Weißen Haus passiert. Was mir sehr gefällt. Das heißt, unsere Gesetzgebung wird eigentlich durch das, was da gerade an der Ostküste passiert, nur progressiver. Man setzt sich hier gerade auch sehr dramatisch mit der Polizeigewalt auseinander. Es hat bei dieser Wahl große Entscheidungen gegeben, Teile des Budgets in soziale Services umzuleiten, was uns alle sehr, sehr gefreut hat. Das war wirklich eine sehr bedeutsame Entscheidung. Von daher hat man eher das Gefühl, so richtig in der Mitte des Geschehens zu sein, weil Kalifornien natürlich ein sehr mächtiger Bundesstaat ist und im Moment doch wirklich auf sehr ausgesprochene Weise reagiert. Es gibt auch gerade eine Union der westlichen Küstenstaaten, die sich zusammentun, um eigene Initiativen durchzusetzen - gerade was den Klimaschutz betrifft. Da fühlt man sich schon am richtigen Ort.

Haben Sie sich in den letzten Tagen mit anderen Autorinnen und Autoren ausgetauscht, mit amerikanischen Künstlerinnen und Künstlern gesprochen? Falls ja, wie schätzen sie die Lage in ihrem Heimatland ein?

Funke: Also, ich habe mit amerikanischen Freunden gesprochen. Ich habe ja eigentlich immer ganz viele junge Künstler aus aller Welt zu Besuch, aber durch Covid passiert das natürlich nur in Maßen. Das heißt, im Moment tausche ich mich natürlich hauptsächlich in meinem glücklicherweise sehr großen Freundeskreis aus. Ich kenne niemanden, der Trump wählt. Doch, ich kenne jemanden, aber das ist kein enger Freund. Man hört aber doch sehr viel: Wie sehr da Belastung in Familien passiert und wie viele Freunde mir sagen, dass sie mit ihrer Familie derzeit kaum reden können, weil es da einfach andere politische Meinungen gibt. Ich glaube, das kann man in Deutschland nur mit der Situation verbinden, als die Flüchtlingspolitik so heiß diskutiert wurde, und ich da auch von Freunden gehört habe, dass da plötzlich keine Gespräche innerhalb der Familie mehr möglich waren.

In Kalifornien hat der Tag gerade erst begonnen. Wie werden Sie ihn verbringen?

Funke: Ich spreche jetzt gleich mit einer sehr guten Freundin aus England, die die Frankfurter Buchmesse gut überlebt hat. Das war ja für alle im in diesem Jahr sehr, sehr anstrengend, weil das pausenlos zu Zoom-Meetings führte. Und dann kommen heute große Wassertanks hier an, mit denen ich den Feuerschutz auf meiner Farm verbessern werde. Denn damit setzen wir uns ja gerade auch auseinander: mit der Klimakatastrophe.

Das Gespräch führte Eva Schramm.

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NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 05.11.2020 | 17:20 Uhr

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