Stand: 25.11.2019 14:21 Uhr

Computerspiele aus architektonischer Sicht

von Tobias Nowak

Hamburg ist europaweit einer der wichtigsten Standorte, was die Entwicklung von Video- und Computerspielen angeht. Obwohl die Szene in Hamburg sehr aktiv ist, kommt die Stadt in der Architektur von Videospielen bis jetzt kaum vor. Dabei orientieren sich die Game-Szenerien immer perfekter an der Realität. Die Aufsatzsammlung "Architectonics of Game Spaces" interpretiert Computerspiele nun ganz offensiv aus architektonischer Sicht.

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Game-Szenerien orientieren sich immer perfekter an der Realität.

In modernen Computerspielen laufen die Spielenden beziehungsweise ihre Avatare durch immer opulentere virtuelle Welten, die meist mit den verschiedensten Gebäuden ausgestattet sind: Sie puzzlen sich durch brutalistische Verwaltungsgebäude, klettern waghalsig an altgriechischen Tempeln herum, sie ballern sich blutig durch Nazi-Bunker oder laufen schwindelerregende Parcours über Wolkenkratzerdächer.

Den Raum spielbar machen

Professor Ulrich Götz leitet die Abteilung Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste. "Ich gestalte den Raum auf seine narrative Dichte hin, auf die Dichte des Erlebnisses, das ich als Spieler dort erfahre", erzählt er. "Wenn ich also dort einen Raum betrete, dann wird es dort ein gewisses Ereignis geben." Götz ist aber auch ausgebildeter Architekt. Er ist Mitherausgeber des Sammelbandes "Architectonics of Game Spaces".

"Die Frage ist aber beispielsweise: Wann und woher kommt dann das nächste Ereignis? Welche narrativen Distanzen sind in diesem Raum zu überbrücken, bis es zum nächsten Ereignis kommt? Ich werde also den Raum ganz anders als Ereigniskette formen, um ihn spielbar zu machen. Das hat dann nichts mit Statik zu tun, sondern mit der Erzählung, die in diesem virtuellen Raum stattfindet", erklärt Götz.

Fachwissen aus der Architektur erforderlich

Architektur soll also in erster Linie die dramatische Struktur von Computerspielen prägen. Das tut sie durch das Level-Design: Es schafft Räume, die den Spielenden intuitiv klar machen, wohin sie sich bewegen sollen, damit das Spiel weitergeht. Alle Räume des Spiels müssen dabei in ihrer Anlage dem jeweiligen Gameplay-Prinzip folgen: Das Kletterspiel braucht Vorsprünge und Griffe, das Ballerspiel Deckungen, das Puzzlespiel benötigt bewegliche Teile usw. Diese Funktionalität prägt jeweils die Architektur des gesamten Spiels.

"In Games entstehen durchaus höchst eindrückliche architektonische Umgebungen, oder Umgebungen, die so aussehen, als seien sie Architektur", so Götz. "Da wird enormes Fachwissen aus der Architektur oder aus architekturnahen Bereichen eingebracht."

"Ein echter Stadtplan wäre nicht spieltauglich"

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In der Spielereihe "Assassin's Creed" haben die Game-Designer die Stadt Florenz während der Renaissance rekonstruiert.

Neben dem Level-Design, das die Spielenden sanft durch Spielwelten leitet, hat Architektur eine weitere wichtige Aufgabe in Spielen, das "Worldbuilding", also die Vermittlung von Kultur, Philosophie, Epoche oder auch materiellen Grundlagen einer Spielwelt. Wenn die Gebäude in ihr so wirken, als ob sie auch jenseits der Nutzung durch den Spieler einen Zweck haben, als ob sie eine eigene Vergangenheit und Zukunft haben, fühlt sich diese Spielwelt echt und lebendig an. Für diese Aufgabe ist es gleichgültig, ob es sich um eine Science-Fiction-Welt handelt oder um eine Rekonstruktion der Stadt Florenz während der Renaissance, wie es in der erfolgreichen "Assassin’s Creed"-Reihe geschah.

"Wenn man das eins zu eins vergleicht, hat das aber relativ wenig mit dem tatsächlichen Stadtplan von Florenz zu tun", stellt Götz klar. "Denn ein solcher Stadtplan wäre nicht spieltauglich. Spieltauglich sind ganz anders geformte Räume und Perspektiven, sodass es zu einer höchst interessanten Verzerrung architektonischer Abbilder in dem virtuellen Raum kommt."

Anders als in der Realität können Game-Architekten fantastischen Ideen folgen, ohne sich von Bauordnungen, Statik oder Historie einschränken zu lassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.11.2019 | 16:20 Uhr