Stand: 07.05.2020 12:53 Uhr

Album der Woche: græ

von Jumoke Olusanmi, NDR Info Nachtclub & Nightlounge
Das Cover des Albums "græ" von Moses Sumney © Jagjaguwar
"Græ" erschien digital in zwei Teilen, physikalisch wird es mit dem zweiten Teil als Doppelalbum veröffentlicht werden.

Auf seinem Debüt "Aromanticism" thematisierte Moses Sumney seine Schwächen und seine Unfähigkeit sich auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Damals begleiteten Sumneys hingebungsvollen Falsettgesang reduzierte Gitarren- und Harfenarpeggien zu einer sehr eigenen Mischung aus Folk, Soul und Elektronischer Musik. Auch auf dem Nachfolgealbum "Græ" ist die Schwermut geblieben und auch die Musik hat ihre Komplexität und ihren Facettenreichtum bewahrt. Noch immer gibt es viele Momente ätherischen Wohlklangs, aber es ist ein rauerer Grundton dazu gekommen. Die Tracks sind brüchiger geworden und gelegentlich löst sich Gesang in digitalem Geschredder auf.

Wie der Vorgänger ist auch "Græ" ein Konzeptalbum. In den Songtexten geht es vor allem darum, wie fluide und vielförmig Identität ist. Das Album beginnt mit der Stimme von Taiye Selasi, die die Herkunft des Wortes "Isolation" erläutert. Passend, dass gerade die ghanaisch-amerikanische Autorin den Auftakt des Albums bildet, denn Selasi prägte vor einigen Jahren den Begriff "Afropolitan". Sie bezeichnete damit eine Generation, die bisher zwar namenlos, aber in vielen Metropolen innerhalb und außerhalb Afrikas durchaus sehr präsent ist. Auch Sumney ist ein Afropolit. Der Sohn ghanaischer Priester ist zwischen West-Afrika und Nord-Amerika aufgewachsen. Schon aufgrund seiner persönlichen Geschichte kann und will er sich gar nicht auf eine Identität festlegen. Weder kulturell noch künstlerisch. Er hat sich im "Dazwischen" eingerichtet. In der Grauzone. Mal geht Sumney in "græ" auf Distanz und verweigert, wie in "also also also and and and", pauschal, sich erklären oder verteidigen zu müssen. Mal lässt er sein Publikum emotional sehr nah an sich ran und zeigt seine zerbrechliche Seite: Im Videoclip zu "Polly" sieht man Moses Sumneys Gesicht in Großaufnahme mehrere Minuten lang bitterlich weinen.

Vielen macht das Uneindeutige und das Widersprüchliche Angst. Moses Sumney aber genießt das Spiel in genau diesem Zwischenraum, den er in einem Interview kürzlich als Leere oder Nichts beschrieb und der für ihn wiederum sehr präsent ist.

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Græ

Label:
Jagjaguwar
Veröffentlichungsdatum:
15.05.2020
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 11.05.2020 | 23:05 Uhr