Stand: 23.08.2020 14:16 Uhr

Ein Seelchen von einem Sänger

von Ralf Dorschel, NDR Info Nachtclub & Nightlounge

"Mir geht's immer nur um Schlichtheit, um das Einfache und Klare", so sagt Tim Bowness. Und hat eine ganze Nicht-Karriere auf seinem Talent aufgebaut, mit einem großen Kreis durchaus prominenter Fans und Verehrer rätselhafte, versponnene Musik weit jenseits aller Charts zu machen. So ein Phänomen heißt dann "Geheimtipp", wenn es noch nicht im breiten Rampenlicht Fuß fassen konnte. Der britische Sänger ist seit über 30 Jahren genau das: ein ewiger Geheimtipp.

Tim Bowness kollaboriert mit vielen Künstlern - Steven Wilson hat das neue Album abgemsicht

Die Karrieren seiner Freunde verfolgt Bowness zumeist von der Seitenlinie: Zu verschroben und zu verletzlich ist die Musik des 56-Jährigen, auch zu zögernd und hadernd - ein Seelchen von einem Sänger, der sich zwar mühelos Gäste wie Ian Anderson von Jethro Tull, Phil Manzanera von Roxy Music, Kevin Godley von 10CC, Peter Hammill von Van der Graaf Generator oder Bruce Soord von The Pineapple Thief ins Studio zu holen vermag - wo die ihm dann aber hingebungsvoll folgen auf seinen versponnenen Wegen. In immer neuen Projekten und losen Bands mit Workshop-Charakter lotet Bowness die Abseiten der gepflegten Pop-Kultur aus - und kam dabei nur einmal, nur ein einziges Mal in die Sichtweite der großen Scheinwerfer: nämlich als singende Hälfte des Art-Pop-Duos No-Man. Wo er Ende der 80er erstmals auf Steven Wilson traf - eine Partnerschaft, die bis heute anhält: Auch "Late Night Laments" hat Wilson abgemischt, geholfen hat ihm dabei Calum Malcolm - und der Schotte steht dank seiner Arbeit mit The Blue Nile und Prefab Sprout für einige der edelsten Klanggemälde der 80er.

Eine ästhethische Wahlverwandschaft, die man Bowness neuem Album auch anhört. Klangliches Feinhandwerk sind diese neun Songs, voller elektronischer Soundscapes und akustischer Finesse. Es hilft wirklich ungemein, diesen nokturnen Klageliedern genau dann zu lauschen: also, spätnachts. Und ihnen auch wirklich mit Hingabe zu lauschen - dem Vibraphon von Tom Atherton, der Stimme von Melanie Woods, die sonst bei Bands wie Knifeworld und Sidi Bou Said oft eher gespenstische Töne erzeugt und der Gitarre und den Loops des Kammermusik-Tüftlers Brian Hulse.

Tim Bowness ist kein Visionär, kein Charismatiker, kein radikaler Neudenker: Am liebsten werkelt der Sänger irgendwo in den Kulissen. Stellt man ihn auf eine Bühne, wirkt er sichtbar verloren und ein wenig hilflos -als rockende Rampensau ist der Brite eben auch denkbar ungeeignet. Doch wer ihm folgt in Songs wie dem hinreißenden "Northern Rain", in "Darkline" und "One Last Call", der wird reich belohnt. Auch wenn feststehen dürfte: Keiner dieser Torch Songs und Noir-Chansons wird ihm dem Ruhm und dem Glamour auch nur einen einzigen Schritt näher bringen.

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Late Night Laments

Genre:
Rock, Art Pop
Label:
Inside Out Music
Veröffentlichungsdatum:
28.08.2020
Preis:
17,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 24.08.2020 | 23:05 Uhr