Stand: 11.08.2020 05:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Harms: Bei Konflikten menschlich bleiben

Das Büro ist für Politiker auch immer wieder ein Ort für schwere und schwerwiegende Entscheidungen. NDR Schleswig-Holstein besucht Spitzenpolitikerinnen und -politiker des Landes zum Sommerinterview genau dort. Dieses Mal: SSW-Landtagsgruppenchef Lars Harms.

Lars Harms (SSW) im Sommerinterview von NDR Schleswig-Holstein in KIel. © NDR Foto: Janis Röhlig
Lars Harms ist SSW-Landtagsgruppenchef in Schleswig-Holstein.

Ein Gemälde an der Wand wirft Lars Harms und diejenigen, die sein Büro betreten, einige Jahre zurück in der Zeit: Es zeigt die SSW-Landesgruppe im Jahr 2003. Wie sie zusammensitzt und Pläne schmiedet. Vielleicht die Weltherrschaft erringen will? Auffällig ist: Die damalige Vorsitzende Anke Spoorendonk ist nur in der Rückenansicht zu sehen. Lars Harms dagegen, damals noch umweltpolitischer Sprecher, spricht zu den anderen und gestikuliert. Ein kleiner Heißsporn sei er damals noch gewesen, sagt Harms. "Viel Energie, viel machen" fasst er sein damaliges Credo zusammen.

Wandbild erinnert an Anfänge

Ein bisschen sei das auch heute noch so, aber inzwischen mache er das auf andere Weise, sagt Harms. Als Wortführer sieht er sich auf dem Gemälde an der Wand in seinem Büro auch eher nicht. Eher als "Erklärbär". Und: "Vielleicht musste ich mich da ja auch rechtfertigen", gibt er bescheiden zu bedenken. Zu dem Bild hat Harms eine enge Beziehung, weil es ihn an seine Anfänge erinnert: "Das war immerhin meine erste Wahlperiode."

VIDEO: Lars Harms allein zu Haus (4 Min)

Keine reine Konfrontation

Mittlerweile ist Lars Harms seit 20 Jahren im Landtag - und selbst Vorsitzender der SSW-Gruppe im Landtag. "Die Weltherrschaft habe ich noch nicht, aber ein bisschen was haben wir schon hingekriegt", sagt er schmunzelnd. Auf großen Fotos ist der Husumer Hafen zu sehen. "Das ist so ziemlich der schönste Ort der Welt." Dort ist Harms zu Hause.

Der 55-Jährige gilt seit den Zeiten der Küstenkoalition aus SPD, Grünen und SSW weniger als "Erklärbär", sondern immer wieder auch als Vermittler, der Konflikte ausgleichen kann. Harms stellt klar, dass er Konflikten nicht aus dem Weg geht. Aber: "Menschlichkeit muss immer dabei sein."

Es geht nicht nur mit reiner Konfrontation

Im politischen Geschäft bedeutet das, dass der SSW nicht grundsätzlich alles schlecht findet, was die Regierung macht, sondern versucht, auch Initiativen zu unterstützen. "Das ist die Macke, die wir haben als SSW, das ist der Anspruch, den wir haben: Dass, wenn wir etwas machen, dass wir auch etwas umsetzen, und das geht nicht mit reiner Konfrontation."

Kritik am Umgang mit Ex-Innenminister Grote

In Corona-Zeiten ist es umso gefragter, dass auch die Oppositionsparteien die Regierung unterstützen - etwa, wenn es darum geht, eine Milliarde Euro für die Abmilderung der Folgen der Pandemie bereitzustellen. Doch darunter leidet gleichzeitig die Sichtbarkeit der Opposition. Lars Harms meint, dass sich das nun langsam wieder ändern dürfte. Als erstes Beispiel nennt er die Umstände der Entlassung des früheren Innenministers Grote. "Das ist schon merkwürdig, dass er gehen musste. Ich fand ihn persönlich immer gut und integer."

Videokonferenzen sind Dauer nichts für Harms

Harms vermutet, dass der CDU Grotes Flüchtlingspolitik zu liberal war. Er sei damit näher an den Grünen, der FDP und dem SSW gewesen. "Das hat sicherlich manchem Konservativen in der CDU nicht gefallen." So habe Grote, etwa bei der Abschiebehaftanstalt Glückstadt oder der Ausstattung der Polizei, nie einfach die CDU-Linie durchgezogen, sondern immer auf Dialog gesetzt, erklärt Harms.

Apropos Dialog: Der findet natürlich auch beim SSW viel übers Telefon oder in Videokonferenzen statt - auf Dauer ist das nichts für Harms, der lieber persönlich Dinge bespricht: "Schnell mal was abschnacken, nicht diese Telefoniererei und Mailerei, die wir jetzt zu Corona-Zeiten haben", sagt Harms und gestikuliert dabei mit beiden Händen. Schließlich entstehen so die besten Ideen, findet er - etwa, wenn man sich in der Pantry-Küche bei "Kaffee satt" unterhält: "Da diskutiert man schnell mal und da kommt man auf irgendwelche Ideen. Und dann schreibt das einer auf einen Zettel und dann geht das los."

Auf kurzem Dienstweg zum Erfolg

Deswegen sieht Harms zu, dass seine Tür immer offen steht für die Kollegen - geschlossen wird sie nur im absoluten Ausnahmefall. Harms mag den kurzen Dienstweg, und er arbeitet Dinge gern schnell ab, wie er selbst sagt. "Immer wenn ich unter Zeitdruck stehe, wenn ich etwas für Menschen umsetzen muss, wenn ich Gespräche führen muss, wenn ich rumtelefoniere, um für die Menschen etwas zu erreichen - dann ist Durchziehen angesagt." Alles andere habe dann zurückzustehen, erklärt Harms: "Dann setz' ich mich auch gern selbst unter Druck und dann bin ich auch relativ gut belastbar."

Auch wenn es für die Weltherrschaft noch nicht gereicht hat, der SSW könnte bei der Bundestagswahl kandidieren - sofern ein Parteitag das so entscheidet. Große Ambitionen - auch bei Harms? "Aus mir soll nichts mehr werden. Ich bin das, was ich werden wollte."

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Schleswig-Holstein Magazin | 11.08.2020 | 19:30 Uhr

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