Angst auf dunklen Wegen: Was Lübeck und Flensburg dagegen tun

Stand: 14.04.2021 05:00 Uhr

Welche Orte in der Stadt machen Lübeckerinnen und Lübeckern Angst? Das wollte die Stadtverwaltung wissen und hat dafür im vergangenen Jahr eine Online-Umfrage gestartet. Das Ergebnis liegt nun vor: Es kamen Hunderte Meldungen zusammen.

von Simone Steinhardt

Der Blick wandert unsicher über die Schulter: War da ein Geräusch? Ist da jemand hinter mir? Der Schritt beschleunigt sich, der Puls auch, der ganze Körper ist angespannt, die Haltung defensiv. Da ist plötzlich dieses mulmige Gefühl, das wohl jeder von uns kennt - etwa, wenn wir in der Dunkelheit durch eine schlecht beleuchtete Unterführung gehen müssen oder auf einem Gehweg laufen, der komplett eingewachsen und nicht einsehbar ist. Angsträume. So nennen Stadtplaner diese Orte.

Welche das in Lübeck sind, hat die Umfrage ans Licht gebracht, an der sich 454 Einwohnerinnen und Einwohner beteiligten. Viele von ihnen nannten mehr als einen Angstraum, deshalb kamen gut 600 Meldungen zusammen.

Bausenatorin staunt über Hinweise

Häufigster Kritikpunkt: unzureichende Beleuchtung. Nach Angaben der Bausenatorin hat die Umfrage tatsächlich neue Erkenntnisse geliefert. Einige der gemeldeten Orte und Wegstrecken seien der Verwaltung gar nicht als stark genutzt bekannt gewesen. Dazu gehört der Fußweg am Spielplatz Steinrader Weg. Deshalb will die Stadt unter anderem dort künftig für eine Beleuchtung sorgen.

Am zweithäufigsten gaben die Befragten an, dass feiernde Jugendgruppen oder Ansammlungen von wohnungslosen bzw. suchtkranken Menschen ein Angstgefühl in ihnen auslösen.

Flensburg hat schon gehandelt

Schon einen Schritt weiter als Lübeck ist die Stadt Flensburg. Sie hatte bereits 2018 ihre Einwohnerinnen und Einwohner zu Angsträumen befragt. Damals wurden 5.000 Postkarten in der Stadt verteilt, und immerhin rund 200 Flensburger haben daraufhin ihre persönlichen Angsträume mitgeteilt. "Wir wollten wissen, welche Bereiche das sind, die die Einwohner etwa dazu veranlassen, Umwege zu gehen. Um im zweiten Schritt, wenn möglich, niedrigschwellig Abhilfe zu schaffen“, erklärt Stadtsprecher Clemens Teschendorf.  

Angsträume "machen etwas mit den Menschen"

Wenn jemand einen Ort als Angstraum benenne, heiße das nicht automatisch, dass dieser Ort ein Kriminalitäts-Hotspot sei, so Teschendorf weiter. "Da geht es wirklich um das ganz subjektive Empfinden eines jeden Einzelnen an einem Ort. Und wenn man sich unwohl fühlt, dann macht das etwas mit den Menschen“, ist der Stadtsprecher überzeugt.

Manchmal reicht schon ein Heckenschnitt

Zu dunkel, zu dicht bewachsen, vermüllt - das waren die häufigsten Gründe, warum sich Flensburgerinnen und Flensburger an einigen Ecken in ihrer Stadt nicht wohlgefühlt haben. Dazu gehörten unter anderem die Treppen vom Nikolaikirchhof zu dem kleinen Parkplatz. "Da ist es abends so dunkel, dass ich gar nicht erkennen kann, ob und wer da steht“, gab 2018 zum Beispiel eine Flensburgerin bei der Befragung an. Um mit geeigneten Maßnahmen gegenzusteuern, war der Stadt eines wichtig: "Sie sollen, da wo es möglich ist, schnell und ohne große Zusatzkosten umgesetzt werden." So wurde im Nikolaikirchhof einfach die Beleuchtung verbessert. An anderen Orten hat die Stadt die Hecken stark zurückgeschnitten, so dass dort nun Gehwege von der Straße einsehbar sind, zum Beispiel zwischen dem Deutschen Haus und dem NDR Gebäude. "An anderen Orten, die durch Vermüllung aufgefallen waren, haben wir öfter reinigen lassen", ergänzt der Stadtsprecher.

Auch Kunst kann gegen Angst helfen

Das sogenannte Mauseloch, eine Unterführung auf dem Weg von der Flensburger Innenstadt in den Stadtteil Jürgensby, wurde ebenfalls als Angstraum identifiziert. Düstere Schmiereireien trugen offenbar maßgeblich dazu bei. Hier hatte die Stadt schon 2017 reagiert und gemeinsam mit den Anwohnerinnen und Anwohnern einen Flensburger Graffiti-Künstler damit beauftragt, den Fußgängertunnel freundlicher zu gestalten. Nun ist die Unterführung verziert mit bekannten Flensburger Gebäuden wie der St. Jürgen-Kirche und dem Nordertor, Grundfarbe ist ein freundlicher Roséton. Außerdem wurde im Boden eine robuste Beleuchtung installiert. Aber fühlen sich die Flensburgerinnen und Flensburger jetzt tatsächlich sicherer? "Ich merke da keinen Unterschied, das ist ein Durchgang wie jeder andere", findet eine junge Mutter. Eine andere Frau wiederum sagt: "Ich finde es gut, dass das Mauseloch jetzt so bunt ist. Aber die Große St. Jürgen-Treppe, die ist immer noch schlecht beleuchtet." Etwas anderes fiel einer älteren Dame auf: "In der Stadt sind an verschiedenen Stellen die Hecken geschnitten worden. Da ist die Sicht jetzt besser und ich fühle mich viel sicherer."

Hinweise bleiben unbedingt erwünscht

Aber auch wenn Flensburg schon deutlich weiter ist als Lübeck: Angsträume gibt es in der Fördestadt weiterhin. Zum Beispiel an Stellen, wo entweder ohnehin eine neue Gestaltung geplant ist oder auch dort, wo man ohne große Umwege in Kauf zu nehmen, eine andere Route wählen kann. Hinweise der Bürgerinnen und Bürger, so Teschendorf, seien für die Stadtplanung weiterhin wichtig, zum Beispiel per Formular auf der Internetseite der Stadt. "Das können wir dann bei Neugestaltungen berücksichtigen." 

VIDEO: Lübeck geht gegen Angst-Räume vor (3 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 14.04.2021 | 19:30 Uhr

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