Stand: 04.05.2018 19:38 Uhr

Frauen in der Kommunalpolitik: Zu viel Gegenwind?

von Eva Diederich

Der Kinderspielplatz war Gesche Gilenskis erstes Projekt. Die dreifache Mutter wollte den Kindern im Dorf eine Freude machen und neue Spielgeräte anschaffen, für ihre Gemeinde Groß Rönnau im Kreis Segeberg. Vor zehn Jahren war das, kurz nach ihrer Wahl zur Bürgermeisterin. "Ich wollte immer Politik machen, um mich für die Menschen einzusetzen. Mein Traum war eigentlich Kreistag oder Landtag", erklärt Gilenski, die der CDU angehört. "Dann bekamen wir einen schwerbehinderten Sohn und haben uns total zurückgezogen. Später wurde ich Bürgermeisterin in meinem Heimatdorf, damit ging ein Traum in Erfüllung." Doch für ihr Spielplatz-Vorhaben gab es sofort Gegenwind. Einige sagten, die Kinder könnten doch auch in den Gärten spielen.

In Groß Rönnau leben etwa 600 Menschen, viele von ihnen in hübschen Einfamilienhäusern, drumherum schöne Natur. Die Dorfbewohner riefen oft wegen kleiner Probleme an: wenn nachts eine Straßenlaterne ausgefallen war oder ein Hundehaufen in ihrem Vorgarten lag. Gilenski nahm alles ernst. Inzwischen aber, nach zehn Jahren, hat sie eine andere Sicht auf die Dinge - und zieht Konsequenzen: Nach der Kommunalwahl will sie sich aus der Politik zurückziehen.

Viel bewegt, aber nicht wieder aufgestellt

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Wiebke Bock ist Bürgermeisterin von Blunk. Auch sie hatte schon mit vielen Problemen zu kämpfen.

Auch Wiebke Bock war kurz davor, diesen Schritt zu gehen. Sie ist seit fünf Jahren Bürgermeisterin in Blunk, einer Nachbargemeinde von Groß Rönnau. Damals stolperte sie ganz plötzlich ins Amt, nachdem ihr Vorgänger plötzlich verstorben war. Für das Ehrenamt der Bürgermeisterin verkürzte Bock ihre Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden. Für die Kommunalpolitik zählte sie bis zu acht Termine pro Woche, hinzu kamen viel Papierkram und jede Menge Gespräche. "Gemeinsam haben wir viel bewegt im Dorf", sagt Bock und nennt beispielhaft die neue Badestelle am See und den erweiterten Kindergarten. Doch trotz all der ehrenamtlichen Arbeit wurde sie in diesem Jahr plötzlich nicht zur Wiederwahl aufgestellt. Beruflich ist Bock in einer Führungsposition, muss tagtäglich Entscheidungen treffen und durchsetzen. Als Bürgermeisterin wurde ihr nun die wichtigste Entscheidung plötzlich abgenommen. Warum, kann sie nur vermuten: "In einem Dorf gibt es verschiedene Interessen, und jede Gruppe versucht den eigenen Vertreter in Position zu bringen."

Das Hinterzimmer als heimliche Schaltzentrale

Gesche Gilenski und Wiebke Bock sind sich sehr ähnlich. Zwei Frauen, die anpacken und ihre Meinung sagen. Sie haben sich aber nie an Hinterzimmer-Absprachen beteiligt. "Bei all den Terminen habe ich gar keine Zeit, solche Kaffeekränzchen zu veranstalten", sagt die Bürgermeisterin aus Blunk. Aber genau dort werden eben viele Weichen gestellt, wissen beide Frauen heute. Ob freiwillige Feuerwehr oder Bauernstammtisch: Einzelne Gruppen hätten spezielle Interessen und bildeten Allianzen, um sich auch durchzusetzen, meinen beide Bürgermeisterinnen.

Als ein konkretes Beispiel nennt Gesche Gilenski den Gemeinderat in Groß Rönnau, der sich gegen Windkraftanlagen im Dorf aussprach. Damals dachte sie, dass alle mit einer Stimme sprechen würden. "Doch dann kam ans Licht, dass drei Männer schon Absprachen oder Verträge mit dem Investor hatten - und das waren alles Gemeinderatsmitglieder."

"Männer arbeiten anders als Frauen"

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Das "Bürgermeisterin"-Schild in Groß Rönnau war eine Sonderanfertigung.

Das Vertrauen, der Rückhalt, sagen beide Bürgermeisterinnen, sei nach diesen Geschichten verschwunden. "Wenn etwas gut läuft, war es die Bürgermeisterin. Wenn es schlecht läuft, auch", fasst Wiebke Bock ihre Erfahrungen zusammen. "Männer haben eine andere Arbeitsweise - ich poltere nicht gleich drauf los", erklärt sie und räumt ein: "Vielleicht war das ein Fehler." Denn Frauen stünden den Männerbünden oft machtlos gegenüber, wenn sie sich nicht genauso verhielten. Die Meinungen in den Dörfern sind wohl geteilt: Die einen haben Verständnis für die Frauen, die anderen finden, sie hätten sich selbst mehr einbringen sollen.

Wiebke Bock tritt nun doch noch einmal an. Dafür stellte sie die Bedingung, dass Aufgaben und damit die Verantwortung besser verteilt werden. Gesche Gilenski dagegen will der Gemeinschaft künftig auf andere Weise nützlich sein: Sie sucht ein Ehrenamt im sozialen Bereich.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.05.2018 | 19:30 Uhr

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