Stand: 08.09.2020 17:26 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Kieler Woche: Unterwegs mit dem Regattaleiter

von Frauke Hain

Auf den Regattabahnen vor Kiel-Schilksee glänzen die Segel in der Sonne, die Ostsee schillert. "Auf dem Wasser ist das eine normale Kieler Woche - auf dem Land eine besondere", sagt der Regattaleiter der Kieler Woche, Dirk Ramhorst. Seit dem Mittag ist er mit dem Motorboot draußen. Mit an Bord sind zwei britische Ärzte, die im Hafen für die Durchführung eines Corona-Schnelltests zuständig sind. Ramhorst erklärt ihnen auf Englisch den Ablauf der Regatten. Es fällt mit in seinen Zuständigkeitsbereich, besondere Gäste zu empfangen - auch wenn er in diesem Jahr weniger offizielle Termine hat als normalerweise.

Trotzdem hat sein Tag schon früh begonnen. Um kurz nach 6 Uhr hat er einen ersten Fernseh-Live-Auftritt per Schalte ins Morgenmagazin. Das Fernsehteam begleitet ihn rund drei Stunden, bevor er dann zum Sicherheitsmeeting muss. Hafenmeister, Wasserwacht, DLRG und Seenotretter besprechen die Lage. Bislang läuft alles reibungslos. "Erst einmal bin ich froh, dass es zum Laufen gekommen ist. Das hat mir persönlich schon sehr viel Sorge und Belastung genommen. Aber es ist bei weitem nicht vorbei. Es ist der dritte Tag von neun. Das erste Drittel ist geschafft, das bedeutet, dass noch sehr viel passieren kann", beschreibt Ramhorst. Er ist angespannt. "Ich habe meine Augen und Ohren überall."

Hafen-Zutritt nur mit Schnelltest

Der Hafenbereich in Schilksee ist durch Zäune abgesperrt. Besucher müssen draußen bleiben. Und für alle, die rein dürfen, gelten strenge Regeln. In Richtung Regattahaus ist eine Art Schleuse eingerichtet worden. Auch Dirk Ramhorst passiert mehrmals am Tag diesen Bereich. Ein Gerät misst die Temperatur. Sollte es erhöhte Temperatur anzeigen, wird ein Corona-Prescreening vorgenommen. Dieser Schnelltest befindet sich noch in der klinischen Zulassung. "In meinen Erwartungen ist das ein Schlüssel für Großveranstaltungen", sagt Ramhorst. Denn es dauert keine zwei Minuten, bis der Test ein Ergebnis präsentiert. Am Freitag gab es fünf Fälle von erhöhter Temperatur, bei dreien wurde auch ein PCR-Test durchgeführt, aber alle Ergebnisse waren negativ, erzählt Ramhorst.

"Ich höre immer mit einem Ohr mit"

Sein Kieler-Woche-Büro hat der Regattaleiter im ersten Stockwerk des Regattahauses - zusammen mit dem Chefwettfahrtleiter und der Regatta-Sekretärin. Er nennt es das "Lagezentrum", wo alle Fäden zusammenlaufen. Hier wird er mit seinem Funkgerät ausgestattet. Damit kann er jederzeit den Kontakt zu den Startschiffen und Wettfahrtleitern auf den Regattabahnen aufnehmen. Der 51-Jährige muss den ganzen Tag über erreichbar sein. Denn er entscheidet im Notfall, was zu tun ist.

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Im Büro nebenan sitzen zwei weitere Kollegen. Einer kümmert sich um den ständigen Funkkontakt, der andere um das Wetter. "Ich höre immer mit einem Ohr mit", sagt Ramhorst. Sollte eine Sturmfront aufziehen, müssen die Rennen abgebrochen und die Segler wieder in den Hafen beordert werden. "Wenn alle reinfahren, dann fahren der Chefwettfahrtleiter und ich nochmal raus, wir sind dann die letzten auf dem Wasser", erklärt er. "Wenn alles läuft, dann ist alles gut. Das kann aber auch schnell anders sein", weiß der 51-Jährige.

Maskenpflicht: "Das ist nicht trivial"

Dort wo zur Kieler Woche normalerweise zahlreiche Fischbuden stehen, liegen dieses Mal Boote - zumindest am Morgen, vor der Regatta. Ein akustisches Flaggen-Signal im Hafen ertönt. Parallel dazu wird die Flagge gehisst, die den Laser-Seglern erlaubt, ihre Boote ins Wasser zu lassen. Neuerdings gibt es diesen Hinweis auch online als virtuellen Flaggenmast. "Diese Entwicklung ist noch relativ neu und sie ist jetzt wegen Corona noch wichtiger geworden", erklärt Ramhorst. Denn wegen Corona sollen die Segler Wartezeiten nicht im Hafen verbringen. Außerdem geht es normalerweise für alle Bootsklassen zusammen aufs Wasser, jetzt gibt es eine Staffelung. "Alle Flaggen auf einmal wäre zu viel Gewimmel." Außerdem gilt die Maskenpflicht auch im Hafenbereich. "Wir wollen jeden über das Tragen der Maske erinnern, was hier gerade passiert. Und dass das nicht trivial ist", erklärt Ramhorst.

In diesem Jahr gibt es kaum Routine. "Wir mussten uns zu jeder Fragestellung Gedanken machen. Wir mussten die Risiken regelmäßig neu bewerten, weil sich die Verordnungslage verändert hat." Für ihn war die größte Herausforderung der letzten Monate, "sich immer wieder neu zu motivieren, dass es stattfindet und man nicht den Kopf in den Sand steckt - und eben nicht sagt, dass es nicht geht." Diese Motivation sei aus dem Team heraus entstanden.

Das Ziel: Segeln anfassbar machen

Leiter der Segelregatta zur Kieler Woche Dirk Ramhorst macht ein Foto von Segelbooten. © NDR Foto: Frauke Hain
Insgesamt wird auf vier Regattabahnen gesegelt. Dirk Ramhorst verschafft sich überall einen Eindruck.

Den Job des Kieler-Woche-Regattaleiters macht Dirk Ramhorst ehrenamtlich - seit 2015. Hauptberuflich arbeitet der 51-jährige Kieler als IT-Leiter in München. Vor ein paar Jahren hat er ein Tracking-System mitentwickelt, das mittlerweile jedes Regattaboot mit an Bord hat, sogar bei Olympischen Spielen. "Dadurch konnten wir Segeln an Land bringen und anfassbar machen. Damit hat alles angefangen." Über ein GPS-Signal werden die Koordinaten des Bootes übertragen. Dieses System und der Einsatz von Kameras und Drohnen hilft, dass Interessierte die Segelwettbewerbe über den Online-Livestream unter www.kiel.live verfolgen können.

Besuch der Regattabahnen ist sein Highlight

Dirk Ramhorst möchte sich den Start der Laser-Segler auf dem Wasser anschauen. Zeit dafür hat er heute. "Das Besuchen der Bahnen ist ein Highlight für mich. In einer normaler Kieler Woche komme ich manchmal tagelang nicht dazu." Er lacht. "Und wie ist die Lage?", ruft er einem der Boote zu. Für die Laser sind die Wind-Bedingungen nicht ganz einfach heute. Der Wind dreht und somit muss der erste Start abgebrochen und der Kurs korrigiert werden. Insgesamt wird auf vier Regattabahnen gesegelt und Ramhorst ist fast drei Stunden auf dem Wasser.

Das Programm für den nächsten Tag

Zurück im Lagezentrum bespricht er dann zusammen mit dem Chefwettfahrtleiter und der Regatta-Sekretärin die Startzeiten und die Belegung der Regattabahnen für den nächsten Tag - immer mit Blick darauf, dass Gewusel im Hafen vermieden wird. "Wenn wir das so machen, dann haben wir eine Stunde im Nordhafen Luft. Das geht, oder?", fragt der Chefwettfahrtleiter. Dirk Ramhorst bestätigt: "Ja."

Nach fast zwölf Stunden endet sein Tag mit der täglichen Pressekonferenz und einer Tageszusammenfassung: "Es war ein schöner Tag auf dem Wasser. Es fing mit drehenden Winden an. Dann hatten wir gute Segelbedingungen. Ich habe viele strahlende Gesichter gesehen. Alle geplanten Fahrten konnten gesegelt werden." Und auch das Programm für morgen steht: "Wir erwarten mehr Wind, es wird anspruchsvoller zu segeln sein. Wir haben eben Roulette gespielt, wer wann ausläuft und wo segelt."

Es klingt fast wie eine normale Kieler-Woche-Pressekonferenz. Aber jeden Tag bewertet der Regattaleiter die Lage neu, denn es liegt in seiner Verantwortung, bei einer eventuell auftretenden Corona-Infektion zu entscheiden, ob die gesamte Veranstaltung noch abgesagt werden muss. "Auch die Segler gehen hier mit einer Zufriedenheit ein und aus und entwickeln hoffentlich die Disziplin, die notwendig ist."

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Schleswig-Holstein Magazin | 08.09.2020 | 19:30 Uhr

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